Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Thesen zur Wanderungsfrage
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 392 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Arthur Prinz vorhanden ist, fände in Jerusalem seinen Mittelpunkt und seinen Jungbrunnen, und die Rolle und geistige Bedeutung Palästinas würden nicht zuletzt dadurch bestimmt, daß durch tausend Kanäle aus allen Ländern der Diaspora die verschiedensten Kulturelemente hier zusammenflössen, um ihre Synthese zu empfangen. Gewiß wäre eine solche Zukunft alles andere eher als die einst verheißene „Lösung der Judenfrage". Im Gegenteil — in mancher Hinsicht würde sogar die Anomalie der jüdischen Stellung in der Welt und zur Welt noch deutlicher hervortreten als heute. Aber die „Lösung der Judenfrage", welche die Ausschaltung einer der bewegenden geistigen und politischen Kräfte unserer Zeit bedeuten würde, ist wohl überhaupt eine allzu simple Vorstellung, von der man innerhalb wie außerhalb der zionistischen Bewegung besser nicht mehr spräche! Nicht eine „Lösung" der Judenfrage, sondern ihre Umgestaltung und Veredelung, ihre Verwandlung in eine vorwiegend schöpferische Spannung erscheint uns möglich und erstrebenswert. Man verzeihe die mehr scheinbare als wirkliche Abschweifung. Aber wenn es überhaupt kaum möglich ist, im Ernst von einer jüdischen Wanderungspolitik zu sprechen, ohne sich auch über das geistige Quo vadis des jüdischen Volkes Rechenschaft abzulegen, so muß gerade bei der Doppelnatur des Zionismus — der einerseits eine allen irdischen Problemen verhaftete Kolonisationsbewegung, andererseits die jahrtausendalte Zionsliebe im Gewand moderner Denkformen ist — schon die bloße Anerkennung der Realitäten der heutigen Wanderungsfrage eine weitgehende Erschütterung und Umstellung der Ideologie zur Folge haben. Unter dem Druck der oben geschilderten Tatsachen wird sich die zionistische Bewegung in Kürze vor die Wahl gestellt sehen. Entweder sie entscheidet sich für die Beibehaltung des hundertprozentigen „Palästinozentrismus", d. h. sie spart alle Kraft und Aufmerksamkeit nur für Erez Israel auf und stellt die Galut wie bisher als ein im Grunde einheitliches Ganzes hin, in dem es sozusagen nur Schattierungen des Unglücks, der Unsicherheit und vor allem des nationalen Verfalls geben kann, aber keine wirklich wesentlichen Unterschiede und Besserungsmöglichkeiten, um derentwillen man dem Aufbau Palästinas auch nur zeitweilig personelle oder finanzielle Werte entziehen dürfte. Oder aber der Zionismus zeigt, daß er auch heute noch eine wandlungsfähige geistige Bewegung und daher imstande ist, die begrenzte Aufnahmefähigkeit Palästinas, die ungeheure Auswanderungsnot in Mittel- und Osteuropa ernstlich zur Kenntnis zu nehmen und im vollen Bewußtsein der Verantwortung für das Schicksal der gesamten Judenheit das Verhältnis zwischen Galut und Palästina neu zu durchdenken. Ein solcher Prozeß müßte notwendigerweise 392