Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Thesen zur Wanderungsfrage
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 391 (sequence 3)
- Language
- German
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Thesen zur Wanderungsfrage England allzu stark zu entfremden — eine der ganz wenigen und sicherlich die wichtigste der Mächte, die sich heute in der Welt überhaupt noch für jüdische Lebensrechte einsetzen, und zudem eine Macht, die bei ihren ungeheuren Reserven an Land und Mitteln uns auch in wanderungspolitischer Hinsicht viel zu bieten hat. All diese politischen Schranken der Einwanderung nach Palästina bestehen neben der tiefen wirtschaftlichen Problematik des zionistischen Aufbaus, der Beschränktheit des verfügbaren Ackerlandes und der Armut an Bodenschätzen. Gewiß besitzt Palästina einige sehr wertvolle Aktivposten, so besonders die Eignung weiter Strecken für den Anbau von Zitrusfrüchten, die Salze des Toten Meeres und die Aussicht, aus dem Reiseverkehr und aus der günstigen handelspolitischen Lage erhebliche Einnahmen zu erzielen. Gewiß ist auch die Fläche des bebaubaren Landes nicht unveränderlich, sondern durch Kapital und Arbeit vermehrbar. Aber es kann für keinen nüchtern Denkenden zweifelhaft sein, daß auch die palästinensischen Orangenbäume nicht in den Himmel wachsen werden, daß die Kosten und Schwierigkeiten, auf so schmaler Naturgrundlage eine wirklich dichte Bevölkerung mit europäischem Lebensstandard anzusetzen, außerordentlich groß sein müssen und daß das Bild, das manche übervölkerten Länder heute bieten, zu denken geben muß. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß in den nächsten ein oder zwei Jahren eine große Ernüchterung über die Aufnahmefähigkeit Palästinas in den zionistischen Reihen einkehren wird. Mehr und mehr muß sich die Erkenntnis Bahn brechen, daß der jüdische Aufbau Palästinas zwar die gesamte Existenz des jüdischen Volkes auf das Tiefste zu beeinflussen, ihr eine höhere Würde und einen neuen Inhalt zu verleihen vermag, daß aber die Bedeutung des Aufbauwerkes ungleich, mehr in der Qualität als in der Quantität liegen wird, und daß neben Palästina eine große und möglichst gesunde Diaspora existieren muß. Ja, gehen wir noch einen Schritt weiter: jede Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß diejenigen von uns, die heute in der Mitte des Lebens stehen, kaum noch den Tag sehen werden, an dem mehr als ein Zehntel des jüdischen Volkes — das hieße etwa ly*—2 Millionen Menschen — in Palästina wohnen. Die Schaffung eines so starken Jischuw würde unter anderem die Erringung der jüdischen Mehrheit im Lande voraussetzen und wäre zweifellos eine gewaltige kolonisatorische und politische Leistung. Sie würde schwere Opfer kosten, könnte aber auch unermeßliche Wirkungen ausüben, — Wirkungen auf die Juden der Diaspora wie auf die Völker der Erde. Die Liebe zu Palästina, die seelische und materielle Teilnahme an seinem Aufbau wäre wohl neben der religiösen Bindung die stärkste einigende Kraft für die Länder der Galut. Was an geistigem Schöpfertum in cjer Weltjudenheit 391