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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 387

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Warum?
Date
1936-12-01
Page
387 (sequence 3)
Language
German
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Warum? Denn was in heftig ansteigender Wallung sich hob und hob und überfloß in die Hilflosigkeit der vielen, vielen ,Warum?', dies persönliche Getroffensein, diese zuerst und zutiefst empfundene Not des Ich, die mitklingt in der gekränkten Frage: „was habe ich denn getan? warum geschieht das alles mir?" — das ist nur das Echo menschlicher Überhebung und Ohnmacht zugleich. Darum bleibt die Antwort, die der menschliche Verstand erfindet, auch immer nur dem Menschen zugewandt. Aus seinem Geiste geboren, in seiner Sprache ausgesagt, ist sie nichts anderes als ein Spiel von Schatten, als Wahn und Wechsel vom Ich zum Du, ganz im Irdischen verhaftet und darin aufgehend. Der Mensch, der fragt, sieht nur den engverdunkelten Bezirk des Erdreiches. Doch niemals wird die Wahrheit der Antwort „gefunden im Land der Lebendigen". Nur „Gott weiß den Weg dahin und kennet ihre Stätte". Die Frage nach dem Warum ist schlechthin eine Frage ins Bodenlose. Sie ist ohne Tiefe und Weite. Ihr Raum ist die Erde, die Materie. Aber die Geburt des ersten Menschen geschah durch den Anhauch Gottes. Nicht die Erde, sondern der Himmel öffnete sich da. Seitdem nun der Mensch so abgeirrt ist, hat er nicht mehr die Kraft, des Schicksals Unbegreiflichkeiten zu ertragen. Er wankt, er zaudert, er erzittert in Furcht und Aberglauben. Er beginnt zu hassen, zu hadern. Er reißt die Augen auf und sieht — das Nichts. Noch in der tiefsten Zerknirschung des dreimal zu Gott emporflehenden „kodausch" ist nur ein Wort ausgesprochen, dessen furchtbares und zugleich erlösendes Gebot der Betende kaum begreift. Denn nicht außerhalb der Welt, sondern in der Welt lebt das Heilige, waltet der Heilige. Die Verwirklichung des Heiligen auf Erden ist der Sinn des jüdischen Gesetzes. „Goi kodausch", heiliges Volk, in diesen beiden Worten "beweist sich die Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit des Judentums. Heiliges Volk, das ist die wunderbare Einheit der Erwählung. Und ist auch das Gebot, in welchem Religion und Nation, Wunder und Wirklichkeit für immer, unlösbar, als wechselvvirkender Auftrag geeint sind. Menschlich begreifbar und berechtigt ist die Frage nach dem Warum. Hat nicht einst auch Hiob jenen unsterblichen Worten von der Gewißheit Gottes „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gepriesen", jenem selig-sicheren Bekennen: „ich weiß, daß mein Erlöser lebt", ein Weniges später, da die Heimsuchungen nur noch stärker wurden, diese Frage nachgeschickt: „Warum sind vor dem Allmächtigen nicht Zeiten vorbehalten, und warum sehen, die Ihn kennen, Seine Tage nicht?" 387

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