Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Warum?
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum? Aber die Antwort Gottes an den Menschen erklingt: „Wo warst du, da Ich die Erde gründete? Wer hat das Meer mit Türen verschlossen, da es herausbrach wie aus Mutterleib? Kannst du den Morgenstern hervorbringen zu seiner Zeit? Wer gibt die Weisheit in das Verborgene, wer verständige Gedanken?" Diese Antwort, aus Sturm und Gewitter dem Fragenden zugerufen, zeigt den Abstand auf zwischen Mensch und Gott. Und die Außer-Ordnung der Schöpfung wird hier Symbol. Das Unbegreifliche, Unfaßbare, mit irdischen Behelfen nicht zu Deutende, das ist die Bestätigung der göttlichen All-Macht. Nicht im Sichtbaren von Gut und Böse, von Gerecht und Ungerecht erklärt sich das Wirken des Einzigen. „Ein Gott, der seine Stärke eingesteht, hat keinen Sinn", spricht es, in die Sprache von heute übersetzt, Rilke einmal aus. So nur, im unendlich Nahen und Fernen zugleich, kann dem suchenden Menschen die Offenbarung geschehen. Nur im immerwährenden Ringen, im Hin- und Hergerissenwerden zu allen Tiefen, allen Höhen, im beinahe unmöglichen Bereitsein um Gottes willen vermag ein Erdgeborener sich zu befreien von aller Pein und Qual des Fragens. Doch diese Liebe um Gottes willen kann nur erlitten werden. Und der Menschheit ganzer Jammer ruht auf ihr. Darum dringt Hiob, der Mensch, erst von der Höhe seiner Leiden aus bis zum äußersten Rande der Einsicht vor, die ihn aus Schmach und Marter und Nacht mitten ins Licht wahrhafter Anbetung emporreißt: „Ich erkenne, daß Du alles vermagst, darum spreche ich mich schuldig . . ." Erst wenn Gedanke und Werk aus allen Sicherungen in den Abgrund stürzen, wenn alles Bestehende ins Uferlose einer plötzlich sich ergießenden Sintflut zu münden scheint, erst in jenen furchtbarsten Augenblicken wird der Mensch wahrhaft getroffen von Gott, wird Heiliges erlebt und als lebend gefühlt. Nur wer das Geheimnis der Schöpfung in Not und Einsamkeit erfährt, nur der wird stumm im Fragen nach dem Warum. Er neigt sich der Übermacht des Schöpfers. Und das Leid wird ihm nur eine Stufe auf dem Wege der Erlösung. „Denn nicht durch Macht, sondern nur durch Meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen." — Aus aller Sicherung des Besitzes zu immer neuem Abgrund und Verderben führt der Weg des jüdischen Menschen. Und führt doch aufwärts, ins Unvergängliche des Trostes und des Erbarmens, wie es aus dem Munde des Propheten verkündet ward: „Fürchte dich nicht, denn Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist Mein." Ilse Blumenthal-Weiß 388