Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Warum?
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum? Nichts anderes will dieses Wort finden als eine Erklärung nach dem Sinn aller Leiden, als einen Beweis für die Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes. Gibt es eine Antwort? Eine Möglichkeit, das Unbegreifliche zu erklären? Vermag ein Mensch mit der Armseligkeit von Sprache und Gebärde das Unnennbare beim Namen zu rufen? Unlöslich verknüpft mit der Frage nach dem Warum ist jenes erste und letzte Wort des jüdischen Menschen, das allein vermag, Licht in das Dunkel des Zweifels und der Verzweiflung zu bringen. Das Wort heißt Gott. Aber der Mensch, der den Namen Gottes anruft, um Trost und Antwort zu finden auf die Frage der Not, muß alle irdischen Wege, alle irdischen Maßstäbe und Beweisbarkeiten, alle irdischen Übernommenheiten verlassen. Er muß ganz einsam, aus der Tiefe seiner Seele an den Rand des äußersten Abgrundes treten, um Gott zu erkennen. Denn niemals kann der Mensch von sich aus, vom Menschen aus, die Frage nach dem Warum lösen. Nur im Angesichte Gottes, in Seinem Geiste vermag ein Irdischer den Sinn und die göttliche Ordnung der Schöpfung zu begreifen. Denn die Wirklichkeit jüdischen Daseins liegt, so paradox es klingen mag, in dem metaphysischen Weltbild, darin das Göttliche Umkreis und Mittelpunkt in einem ist. Die begrenzte Sphäre des Erdreiches, die schmale Gegebenheit von Zeit und Raum und Gestalt, woraus wir Sterblichen all unsere Kenntnisse und Erwägungen ableiten, muß überwunden, muß gleichsam ausgewechselt und übergeleitet werden in die Unmeßbarkeit des Abstandes zwischen Mensch und Gott. „Denn Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege." Der moderne Mensch, dessen Stolz sein Verstand, dessen Genugtuung sein scharfes Denken ist, dessen Hoffen und Streben es bleibt, alle Wunder und Geheimnisse in die Formeln der Wissenschaft einzuordnen, der das göttliche Wirken regulieren will mit Zirkel und Lineal, der in das Allerheiligste einzudringen wagt mit der schamlosen Begier seines Intellekts, — wieviel muß er aufgeben und über Bord werfen, bis er imstande ist, hilflos und nackt wie der erste Mensch vor den Allmächtigen zu treten! Dieser Mensch, der gewohnt ist, all seine Gaben von Gott fort zu entwickeln, wird umkehren, wird einen langen, einsamen Weg zurückgehen müssen: den Weg der völligen Hingabe und Preisgabe des Ich, darin Unmögliches noch Willen wird, den Weg tiefster Demütigung und Einkehr, den Weg, den die Geschichte weist, den die Väter gingen und den, als einer der Gezeichneten und Erwählten, er nun zu gehen hat. 386