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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 385

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Warum?
Date
1936-12-01
Page
385 (sequence 1)
Language
German
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DER MORGEN / Monatsschrift der juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN» DARMSTADT 12. JAHRGANG DEZEMBER 1936 HEFT 9 Warum? Seltsam und eigentümlich, eindeutig und gegensätzlich, Erinnerung und messianisches Hoffen, Geschichte und Wunder: das ist das Judentum! In einer Welt des Bodenlosen bewahrt es seine Form, in einer Zeit bitterster Zerstreuung sammelt es seine Kraft. Und über den Trümmern Jerusalems erstand das Wort der Propheten: die Verheißung mitten im Untergang. Jahrhunderte, Jahrtausende tragen das gleiche Gesicht. Sie sind erhellt vom Widerschein der Kontraste. Sie zeugen, sie sagen aus, sie erhöhen den Zeitraum der Jahre zur Ewigkeit. Keine stabilen Formen, keine Verwurzelung im Bereiche von Grenzen und Ländern festigen die Gemeinschaft. Nur die Erscheinung, die unausdenkbare Weite, das Auf und Ab von der Erde zum Himmel, das ist Israel, das ist das heilige Volk, das ist jüdische Geschichte. Der jüdische Mensch sieht das alles. Er lebt es. Aber er begreift das Geschehen kaum. Welten stürzen über ihm zusammen, Naturgewalten vernichten ihn und rauben den Boden unter den Füßen. Meere von Tränen, Litaneien von Seufzern — Jahre der Ruhe, des Friedens, des Gedeihens — und wieder Schrecken und neue Verdammnis. Unfaßbares, Unsagbares, Unberechenbares geschieht, je und je. Da, wie im Rhythmus von Ebbe und Flut, schwächer werdend oder anwachsend in die Verzweiflung des Aufschreis, gipfelt des Menschen Ratlosigkeit in die Frage nach dem Warum. „Warum leiden wir? Warum sind wir verstoßen? Warum nimmt Gericht und Heimsuchung kein Ende?" Ein unscheinbares, vom Gebrauch schon abgenutztes Wort wirbelt so von Geschlecht zu Geschlecht, über Erdteile und Meere. Groß, monumental steht es in der Welt. Und sein Echo liegt wie ein Schatten über dem Angesichte Gottes. 385

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