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Der Morgen · 1936-11-01 · Heft 8 (November 1936) · p. 373

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 8 (November 1936)
Article
Wertbetonte Geschichte [Rezension]
Date
1936-11-01
Page
373 (sequence 3)
Language
German
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Wertbetonte Geschichte religiöse Gemeinschaft einem Nationalstaat gegenüberstellen, kann nicht scheiden zwischen dem Staat als einem „Zweckverband" und dem Volke. Das Vorhandensein eines Volkes vor dem Königtum wird durch den Wunsch des Volkes nach einem König bezeugt. Das Neue an der Königswahl ist nicht, daß die Stämme sich aus außenpolitischen Gründen enger aneinanderschließen, sondern eine Verwerfung des bisherigen Gottkönigtums: „nicht dich ja haben sie verworfen, mich ja haben sie verworfen", sagt Gott zu Samuel (I. Sam. 8, 7). Diese aus der realen Beziehung ins Messianische weisende Vorstellung blieb in Juda stets lebendig. Sie bedeutete keinen politischen Machtanspruch über die ganze Erde, sie war nie ein „Aufbocken gegen die Geschichlstatsachen, die man erlebt hat" (S. 23), — sie war eine aus dem unmittelbaren Erleben genommene Wirklichkeit, die in die Zukunft projiziert wird, um aber in jeder noch so nahen Zeit wieder real werden zu können. Nicht erst im Exil kam Israel zur Erfahrung seines Volkstums: seine Aufgabe war ihm vorher gesetzt. Die Erwählung zum am segula gehört zu den ältesten Bestandteilen der jüdischen Auffassung (Ex. 19, 5). Der Erwählungsgedanke wird nicht nachträglich mit dem Volksgedanken „konsequent verbunden", sondern in ihm beruht die gesamte altjüdische Geschichte, die sich in ständigen Gegenbewegungen abspielt. Von einem „religiösen Imperialismus" (S. 25) ist nie die Rede, denn die Endzeit ist nicht die Zeit mit „weitausgreifenden politischen Herrschaftsansprüchen". In Jes. 2, 4 (das Buch zitiert nur 2, 2—3) spricht der vorexilische Prophet vom Frieden der messianischen Zeit, nicht von Herrschaft und übersteigertem Nationalismus. Die messianische Idee in ihrer umspannenden Weite ist im Judentum der ältesten Zeit entstanden und weiter gedrungen. Die These „was an diesem Staatsgedanken groß war, die Idee des gottköniglichen Heilbringers, war auch im übrigen Altertum da" bleibt unbewiesen. Auch der Hofstil Israels kann nicht aus den „Thronbesteigungspsalmen" (2, 72, 110) abgeleitet werden. Gerade was den Verfasser hier an die Sitten anderer Völker gemahnt, ist in einer anderen Sphäre gesagt: es sind Psalmen, die unter dem Gedanken des Gottkönigtunis stehen, die das Königtum Gottes, den Gesalbten, den Maschiach ernst nehmen und ihn nicht im König vergötzen. So haben wir keine Absorption fremder Gebräuche und Anschauungen, sondern eine echtbürtige grundlegende Änderung und Umformung von Gedanken, die bei den Völkern des vorderen Orients nur in Ansätzen vorhanden waren: denn Israel lebte nicht in einem luftleeren Raum. Bei den folgenden Abschnitten des Buches unterscheiden wir uns wieder grundlegend von dem Verfasser; unsere Voraussetzungen sind andere. Wir müssen fragen: warum stammt Gen. 9, 2 5—27 „in Wirklichkeit aus der mittleren Königszeit'"? Warum sind die „wirklichen Großen der alttestamentlichen Propheten . . . nur den griechischen Philosophen" vergleichbar? Ist denn ein Vergleich notwendig? Wie ist der Satz „die Hochprophetie weist nach Westen, nicht in den Orient" (S. 4o) zu beweisen, und schließlich: warum müssen die Propheten aus dem Zusammenhang der jüdischen Geschichte herausgelöst werden? „Die jüdische Gemeinde verstand sie nicht recht, weil sie nicht ihres Geistes war. Erst Luther und vor allem die moderne kritische protestantische Forschung (Ewald, Wellhausen, B. Duhm, G. Hölscher) haben uns die Propheten der Blütezeit wieder richtig sehen gelehrt" (S. 43). 373

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