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Der Morgen · 1936-11-01 · Heft 8 (November 1936) · p. 374

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 8 (November 1936)
Article
Wertbetonte Geschichte [Rezension]
Date
1936-11-01
Page
374 (sequence 4)
Language
German
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Fritz Aronstein: Wertbetonte Geschichte Wir stehen zu diesen Fragen anders. Wir lesen die Bibel, so wie sie geschrieben sieht, mit aller Kritik, aber auch mit aller Ehrfurcht; wir sehen die Propheten in ihrem Rahmen, sehen jede Stelle an ihrem Ort, und wir fühlen uns heute noch als Nachkommen der strengen Gesetzeslehrer und der Propheten, die wir zu verstehen meinen. Die Worte der Bibel haben für uns Geltung, ob sie „auch im Neuen Testament stehen könnten" (S. £2). Auch Deuterojesaia ist ein jüdischer Prophet. Es steht in ihm nicht nur „viel geradezu jüdisch Anmutendes" (S. 52), sondern er ist im Judentum erwachsen. „Die beiden Wege im Alten Testament, deren einer zum Judentum führt, deren anderen wir — nicht bruchlos — im Christentum fortgesetzt und überboten finden", scheiden sich nicht „in, mit und an Deuterojesaia" (S. 5a), sondern höchstens nur an diesem Propheten: wir deuten ihn aus seiner und unserer Welt jüdisch; wer ihn christlich umdeutet, wird zum Christentum geführt. In Deuterojesaia ist keine Scheidung. Auch im allen Israel und Juda gab es soziale Ungerechtigkeit, gegen die die Propheten ihre Stimme erhoben. Sie waren die großen Mahner des Volkes, die Rufer im Streit um das rechte Leben. Aber sie riefen in ihrem Volke, nicht von außen her; sie fühlten sich dem Volke, dem sie seine Schandtaten vorhielten, stets verbunden und versuchten nie, die Entstehung des Judentums zu verhindern (S. 60). Soziale Ungerechtigkeit — wo gäbe es sie nicht? Und das Volk, das in seinen eigenen Reihen große Mahner findet, ist es nicht besser als ein anderes?*). Als Juden müssen wir Möhlenbrinks Voraussetzungen ablehnen: wir können nicht Teile der Bibel „gefühlsmäßig als vorwiegend jüdisch empfunden" ansehen (S. 61), können die Bibel nicht teilen in verschiedene Auffassungen, ja in Abschnitte, die sie „zu einem unjüdischen Buch" machen (S. 61). Aus anderer Deutung ergeben sich auch andere Folgerungen. Das Judentum ist nicht Erstarrung, keine „Vergreisungserscheinung in der altorientalischen Religionsgeschichte", sondern lebendes Wirken. Es ist durch die Bibel gegeben und in ihr begründet. Wir sehen im Christentum nicht „die Vollendung und Überbietung der besten Züge des Alten Testaments" (S. 61). So lehnen wir die Voraussetzungen, die Beweisführung und die Folgerungen des Buches aus einer grundsätzlichen andersartigen jüdischen Haltung ab. Man mag über Einzelfragen streiten und sie zu erklären versuchen, man kann die Worte der Schrift verschieden lesen und auslegen; wo es aber um das Ganze geht, wo unsere Geschichte und unser Werden von seiner Wurzel aus, von seinem ersten Entstehen an falsch verstanden wird, da müssen wir unseren Standpunkt in deutlicher Abgrenzung herausstellen: lebendiges Judentum im Anschluß an das Judentum der Bibel, so wie sie in allen ihren Teilen geschrieben ist. Fritz Aronstein *) Jes. 3, 12a übersetzt Möhlenbrink: „Meines Volkes Beherrscher sind Gauner —/ Und Wucherer seine Gebieter." Bei Luther (und sinngemäß in anderen deutschen Übersetzungen) heißt es nach dem hebräischen Text: „Kinder sind Treiber meines Volks, und Weiber herrschen über sie." — Ist der zweite Halbvers durch eine Konjektur, die sich auf einen Lesefehler der Septuaginta stützt, vielleicht notdürftig zu erklären, so findet sich für die Übersetzung des ersten kein Beleg. 374

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