Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Zum Einheitscharakter des Jesajabuches
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895561-2906596--09304-2906661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Martin Buber: Zum Einheitscharakter des Jesajabuches Bezeugung hin!", d.h. sie sollen so viel von der in ihnen versiegelten Botschaft eröffnen als not tut, um die in „nachttiefer Bangnis" (v. 22) Befangenen, nach einem Wort des Heils Verschmachtenden vor dem Sprung in den Abgrund eines hoffnungsbaren Nihilismus zu retten. Daran knüpft, fast zwei Jahrhunderte später, der namenlose Prophet an, den man als Deuterojesaja bezeichnet. Man muß sich, um dies zu erkennen, vergegenwärtigen, daß das Wort -nab (Lehrling) in dieser seiner substantivischen Bedeutung nur im Jesajabuch vorkommt, und zwar das eine erwähnte Mal im ersten, dreimal im zweiten Teil. Geläufig dürfte der adjektivische Gebrauch im Sinn von „eingeübt, eingewöhnt" gewesen sein; wir kennen zwar auch ihn nur aus zwei Jeremjastellen (2, 24 und 13, 23), die aber volkstümlich genug und gar nicht nach Neubildung klingen. Anders Jesaja 8, 16: hier gibt der ältere Prophet in entscheidender Stunde, in der er die Summe der ihm einst in der Berufung (6, 9 f.) angekündigten Erfahrung zu ziehen scheint, eine feierliche Erklärung in bezug auf einen ihm verbundenen Kreis ab, den er offenbar als den Kern des verheißenen „umkehrenden Restes" (7, 3; 10, 21 f.), des aus dem Volksstumpf aufsprießenden „Samens der Heiligung" (6, 13) ansieht; und so gibt er — an einem geläufigen Wort einen Bedeutungswandel vollziehend — diesem Kreis einen Namen, der dessen Verbundenheit mit ihm, dem Sprecher, aussagt. Daran nunknüpft 50,4 der Nachfahr seines Geistes an, indem er das vielleicht in diesem Sinn seither nie wieder gebrauchte Wort so nachdrücklich und wiederholend verwendet, daß es sogleich an den allbekannten Spruch des Meisters gemahnen muß; er will damit sagen, daß er, der Spätling, sich den Jüngern zurechnet und ihnen zugerechnet werden will: „Gegeben hat ER, mein Herr, mir eine Lehrlingszunge. Daß ich wisse, den Matten zu erquicken mit Rede, weckt er sie am Morgen. Am Morgen weckt er das Ohr mir, daß ich wie die Lehrlinge höre." Ihm, dem mehrere Geschlechter nach Jesaja Lebenden, gewährt es Gott, das Wort der „versiegelten" jesajanischen Botschaft so zu vernehmen, als hätte er im Kreise der Limmudim geweilt; und Gott gewährt ihm, das Wort der Botschaft den „Matten", im Exil Verzweifelnden mit so erquickender Frische zuzusprechen wie einer der Limmudim, in die der große Lehrer die Weisung und die Bezeugung gelegt hatte, um eben so sie zu bekunden. Denn nun ists an der Zeit: jetzt erst, in der babylonischen Verbannung, sieht der namenlose Prophet die von dem fernen Meister vorgeschaute Volkskatastrophe erschienen, jetzt erst, in der Tat des Völkerherrn Kyros, die er ankündigt, sieht er die damals erschaute Volksbefreiung erscheinend: der Rest kehrt um, 370