Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Zum Einheitscharakter des Jesajabuches
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 369 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber: Zum Einheitscharakter des JesajabuchesV Der in Armand Kaminkas Abhandlung über den Propheten Jesaja**) dargelegten Ansicht, daß das Jesajabuch das Werk eines einzigen Verfassers sei, vermag ich zwar nicht beizupflichten, — schon deshalb nicht, weil ich die beiden Kyros-Stellen nicht wie er für Interpolationen halten kann. Aber seine Hinweise auf die sprachliche und stilistische Verwandtschaft der beiden Teile des Buches verdienen volle Beachtung. Die Frage nach dem inneren Zusammenhang der Teile ist noch unerledigt; sie ist neu zu stellen. Im folgenden sei ein Hinweis darauf gegeben, daß „Deuterojesaja" sich selbst als einen nachgeborenen Jünger Jesajas angesehen und bezeichnet hat und daß daher die Vereinigung seiner Kundgebungen mit denen seines Meisters zu einem „Jesajabuch" in der rechtmäßigen Linie der Tradition lag. Vorausgeschickt muß werden, daß, wie Franz Rosenzweig und ich in unserem Buch „Die Schrift und ihre Verdeutschung" (1936) dargelegt haben, die Wiederkehr seltener Wörter in der Schrift jeweils daraufhin betrachtet werden muß, ob ihr nicht eine bestimmte Absicht, die Bezugnahme einer Stelle auf eine andere zugrundeliegt. Diese Verwendung von „Leitworten" gibt uns auch den Schlüssel zum Problem des Jesajabuchs. In der Vorschau der künftigen Volkskatastrophe erklärt der Prophet 8, 16, es gelte nunmehr (so sind die Infinitivi absoluti zu verstehen), „die Bezeugung einzuschnüren, die Weisung zu versiegeln in meinen Lehrlingen", nab?. Die Verheißung der Volksbefreiung, wie sie uns in 9, 1—6 bewahrt ist, soll nicht öffentlich umlaufen und „als Stein des Anstoßens" (8, 14) die Menge zu falschem, den Antrieb zur Umkehr niederhaltendem Optimismus verleiten. Wie eine Urkunde verschnürt und versiegelt wird (man denke an Hiob 14, 17, wo der „Frevel" wie ein Gerichtsakt „in der Verschnürung zugesiegelt" ist), so soll es mit der Botschaft geschehen, und der Verwahrungsort sind die lebendigen Jünger. Erst wenn einzelne von den Verzweifelnden, „Morgenrotlosen" (v. 20) sie bestürmen, die Wahrsagegeister zu befragen, sollen sie, nachdem sie solch ein Ansinnen zurückgewiesen haben, die Losung ausgeben „Zur Weisung hin! zur *) Aus der demnächst im Verlag des Wiener Maimonides-lnstituts erscheinenden Festschrift zum 70. Geburtstag Armand Kaminkas. **) Revue des Etudes Juives Bd. 80 u. 81, Sonderdruck Paris 1925, und Ha-Tekupha Bd. 22, 23 u. 25. 369