Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 364 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Berggrün. ihm die Stimme. Es kam ihm unsagbar lächerlich vor, überdies schien es ihm geradezu niederträchtiger Verrat an den Jahren der Vergangenheit in ihrer unkontrollierbaren Nebelhaftigkeit, jetzt zu behaupten, daß er eine Beschäftigung suchte, glatt, nüchtern und in das Schema des Lebens dieser Stadt sauber sich einfügend; auch fehlte ihm plötzlich der Mut und die Kraft, es auszusprechen. Wie aus unendlicher Ferne quollen die Worte des Herrn Tarani nun noch einmal zu ihm heran: „Anlaß und Zweck des Aufenthalts", und indem er plötzlich die Hände vom Gesicht riß und sich, sehr blaß und ein wenig zitternd, halb aufrichtete, rief er aus: „Was sind das nur für Fragen! Ich weiß auch diesmal nicht, was ich Ihnen antworten soll!" „Das hätten Sie nicht sagen dürfen", meinte Herr Tarani kühl, „das ist in hohem Maße verdächtig. Gerade in diesem Punkte ist unsere Polizei furchtbar genau. Es genügt zum Beispiel nicht anzugeben, man sei besuchshalber hier, man muß dann gleich hinzufügen, wen man besucht und aus welchem Anlaß, und das wird dann alles sehr genau kontrolliert. Ich muß im übrigen gestehen, daß ich die Polizei gerade in diesem Punkte vollkommen begreifen kann. Ich will sogar noch weitergehen und sagen, daß ich ihr ausgesprochen dankbar bin, mir die Möglichkeit in die Hand zu geben, Sie nach diesen Dingen zu fragen. Gewiß, ich habe keine Veranlassung, Sie eines unkorrekten Verhaltens zu beschuldigen, ganz und gar nicht, und dennoch: die Art, wie Sie versuchen, meinen Fragen auszuweichen oder sie in sehr vagen Formen zu beantworten, hat auf jeden Fall etwas Suspektes. Sehen Sie: unser Hotel ist eines der ältesten am Platze. Und wenn wir vielleicht auch an äußerem Konfort mit den weltstädtischen Kästen in der Gegend vom Bahnhof, die eine phantasielose und dividendensüchtige G.m.b.H. in letzter Zeit errichtet hat, nicht konkurrieren können, so wissen wir doch und sind stolz darauf, daß uns an Honorigkeit, an Solidität und Gediegenheit keines zu übertreffen, ja nur zu erreichen vermag. Wir legen keinen Wert darauf, irgendwelche Allerweltsreisenden, bei denen man nicht genau weiß, was ihre Koffer enthalten und welche Zufallslaune sie gerade in unsere Stadt trieb, in unseren Räumen zu beherbergen. Auf so undurchsichtige Leute können wir verzichten." Herr Tarani machte eine Pause; er blickte den Fremden erwartungsvoll an, als rechnete er mit einer Entgegnung, einer Art Rechtfertigung. Aber der Fremde schwieg. Er lächelte nur matt, über sein Gesicht fielen graue Schatten, die es in viele Teile zerschnitten. Der Geschäftsführer fuhr fort: „Ich denke, daß Sie verstehen, was ich meine. Die Leute, die bei uns wohnen, haben 364