Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 363 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stadt „Nein!" rief der Fremde, plötzlich erregt, so daß Herr Tarani erschrocken zurückzuckte, „ich weiß es nicht und ich will es auch nicht wissen! Und jetzt lassen Sie mich mit Ihrer Fragerei gefälligst in Ruhe! Ich habe genug! Verstehen Sie?" Herr Tarani hatte sich erhoben und war zum Fenster getreten. Das Gesicht abgewandt, sagte er: „Ihr Betragen berührt mich peinlich. Ich habe selten einen so ungeduldigen Menschen gesehen wie Sie; fast möchte man meinen, Sie hätten ein schlechtes Gewissen. Aber mich können Sie nicht aus der Fassung bringen, vor allem nicht mit diesem Ton. Und wenn Sie sich noch so sehr aufregen: ich gehe nicht eher aus dem Zimmer, bevor Sie mir nicht alle Fragen so beantwortet haben, wie es sich gehört. Es ist meine Pflicht, Sie zu fragen, ich handle gewissermaßen auf höhere Gewalt. Wenn es Ihnen nicht paßt, dann muß ich Sie bitten, das Haus zu verlassen. Es täte mir aufrichtig leid, aber Sie würden mich durch Ihre Widerspenstigkeit dazu zwingen." Der Fremde sagte resigniert: „Wie unangenehm das alles ist. Aber ich weiß wirklich nicht, wie lange ich bleiben werde. Sie bringen mich mindestens in dem gleichen Maße in Verlegenheit wie umgekehrt." „Das tut mir außerordentlich leid", entgegnete Herr Tarani streng, „darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Außerdem genügt es ja", lenkte er ein, „wenn Sie irgendeine Zeit angeben, nur, damit ich etwas aufschreiben kann. Ob es auf den Tag genau stimmt, spielt im Augenblick keine Rolle." „Gut", seufzte der Fremde, „sagen wir also zwei Jahre. Kommt jetzt noch etwas?" Herr Tarani nickte. „Ja. Aber es ist die letzte Frage, dann sind Sie erlöst: Anlaß und Zweck des Aufenthalts." Herr Tarani war, sichtlich versöhnt, an das Bett zurückgetreten und setzte sich von neuem. Er wiederholte: „Anlaß und Zweck des Aufenthalts." Statt zu antworten, kicherte der Fremde ängstlich in sich hinein, so daß sich der Geschäftsführer besorgt zu ihm vorbeugte. „Ist Ihnen nicht gut?" fragte er leise. Der Fremde antwortete nicht. Er hatte die Hände vors Gesicht gelegt und die Augen halb geschlossen. Den Grund seines Herkommens sollte er also angeben. Er sollte, zum ersten Male, zu jemand aussprechen, daß er auf der Flucht war, daß er in dieser Stadt die letzte Rettunghoffte vor dem Versinken in einem weitmaschigen schlüpfrigen Netz, daß er eine Existenzsuchte, ja, daß er sogar schon ein Inserat in der Tasche trug, auf das er sich bewerben wollte. Nun aber, da er es sagen, da es vermerkt und in den Akten der Behörden registriert werden sollte, versagte 363