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Der Morgen · 1936-11-01 · Heft 8 (November 1936) · p. 361

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 8 (November 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-11-01
Page
361 (sequence 4)
Language
German
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Die Stadt gebügelten Hosenbeine unterhalb der Knie ein wenig in die Höhe zog und dann die Arme lässig verschränkte. Der Fremde rutschte erschrocken mit seiner Decke an die dem Fenster zugewandte Seite des Bettes. „Warum rücken Sie von mir fort?" fragte Herr Tarani lächelnd. „Haben Sie plötzlich Angst bekommen? Halten Sie mich vielleicht für einen Hochstapler? Sie brauchen nur auf die Klingel zu drücken, die da neben Ihnen auf dem Nachttisch liegt, dann kommt sofort jemand und wird Ihnen die Beruhigung geben, daß sich kein Raubmörder oder sonstwie gearteter Verbrecher zu Ihnen eingeschlichen hat." „Das habe ich auch gar nicht angenommen", log der Fremde, „ich frage mich nur, was um diese Zeit der Geschäftsführer eines Hotels in den Zimmern seiner Gäste machen kann". Herr Tarani reckte den Oberkörper steil in die Höhe. Der Fremde fand — und diese Vorstellung belustigte ihn sehr — er sehe jetzt aus wie ein verkrachter Bankdirektor, der mit dem letzten Rest von kommerzieller Würde eine Agentur für Lebens¬ und Feuerversicherung übernommen habe. Herr Tarani, der die Gedanken des Fremden keineswegs ahnte, sagte: „Ich bemerkte vorhin schon, daß es sich im Grunde um eine Bagatelle handelt. Aber die Schuld trifft nicht mich, sondern . . . ja, nun werden Sie sicher ungläubig den Kopf schütteln: die Polizei." „Die Polizei?" Der Fremde lachte laut auf. „Darauf war ich allerdings nicht gefaßt! Was soll denn das heißen? Ich glaube, jetzt halten Sie mich tatsächlich zum Narren." Entrüstet wehrte der Geschäftsführer ab: „Aber keineswegs, — wie können Sie so etwas annehmen?! Was würde das für ein Licht auf unser Haus werfen!" „Glauben Sie, daß es viel besser wirkt, die Gäste in ihrer Nachtruhe zu stören?" meinte der Fremde. Herr Tarani sagte ernst: „Es ließ sich nicht vermeiden. Die Sache ist die, daß die Polizei bei uns in der Stadt ganz ungewöhnlich streng ist in bezug auf die Leute von außerhalb. Es sind da irgendwelche schlechten Erfahrungen gemacht worden, und seitdem wird nun genauestens kontrolliert, wer hier zuzieht oder besuchsweise oder aus geschäftlichen Gründen zu uns in die Stadt kommt. Die Hotels sind strengstens angewiesen, von jedem Fremden sofort bei seiner Ankunft Meldezettel ausfüllen zu lassen. Fast jede Nacht finden Kontrollen statt; wenn sich dabei herausstellt, daß es mit den Angaben nicht stimmt, haben wir die größten Unannehmlichkeiten." Der Fremde zuckte ärgerlich die Achseln. „Das ist wirklich eine Bagatelle! Weshalb haben Sie mich nicht gleich darauf aufmerksam gemacht, als ich ankam?" 361

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