Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 360 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Berggrün sogar (wie würde es sonst soviel läuten?); er müßte unbedingt antworten, sagen, daß er bereit sei, Wünsche, Aufträge, Befehle entgegenzunehmen, aber immer von neuem entzieht sich ihm der elfenbeinerne Griff. — Mit einem Seufzer erwacht er in dem fremden dumpfigen Zimmer. Er spürt einen Schmerz am Knie, tastet mit der Hand an die Stelle, fühlt einen Verband, erinnert sich. Dann tastet er mit der Hand weiter zur Nachttischlampe, schaltet Licht ein. An den Wänden sind unzählige dunkelrote Rosen ineinander verschlungen: die Tapete. Der Fremde versucht, die Ereignisse des Abends zu überdenken, von jenem Augenblick an, als er den Zug verließ, bis zu dem Moment, da man ihn in dies Hotel einlieferte. Er will etwas Ordnung in die Dinge bringen: wie war das doch mit der weißen Karte in dem dunklen Fluß? Und wie kam er in dieses fremde Bett? Richtig — jemand hatte ihn im Taxi hierhergebracht, aber warum war er eigentlich nicht allein gefahren? Brauchte er denn Hilfe? Was war ihm nur alles zugestoßen? Während er nachlässig, schläfrig und doch ernsthaft bemüht, eine Erklärung zu finden, noch nachsann, klopfte es plötzlich, und das war — so sehr überraschend es auch zu dieser nächtlichen Stunde sein mochte — eine willkommene Gelegenheit, durch ein energisch vorgebrachtes: „Herein!" die Vorstellungen, die ihn bedrängten, zu verjagen. Die Tür tat sich langsam und knarrend auf, und ein Mann in altmodisch geschnittenem und doch nicht einer gewissen Eleganz ermangelndem Gehrock, einen weißen Block unter dem Arm, trat herein, verbeugte sich leicht und sagte, indes er die Fingerspitzen der beiden Hände mehrmals aneinanderpreßte: „Sie verzeihen, ich wollte nicht stören. Es ist mir sogar ausgesprochen peinlich, Sie um diese Zeit zu behelligen..." Der Fremde richtete sich im Bett empor. Er lächelte unsicher vor sich hin. „Ich hatte allerdings jetzt niemanden erwartet", sagte er stockend, „es muß doch wohl sehr dringend sein, daß Sie mitten in der Nacht kommen". Der andere kniff die Lippen an den Mundwinkeln zusammen und nickte bestätigend mit dem Kopf. „In der Tat", sagte er und preßte wieder die Fingerspitzen der beiden Hände aneinander, „es ist dringend — wenngleich eine Bagatelle und gar nicht weiter beunruhigend. A propos, habe ich mich Ihnen übrigens schon vorgestellt? Mein Name ist Tarani, ich bin der Geschäftsführer dieses Hotels. Wenn Sie gestatten, nehme ich eine Sekunde Platz." Damit ergriff er einen Stuhl, schob ihn dicht an das Bett des Fremden heran und setzte sich, wobei er sorgsam die scharf 360