Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 359 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stadt Der Fremde sieht ihn bittend an. „Ich wohne, wo Sie wollen. Mir ist alles recht. Ich glaube, ich bin ein wenig müde. Haben Sie übrigens meinen Koffer gesehen?" Der andere wendet sich zur Seite. „Da ist er", sagt er. Der Koffer ist aufgesprungen, Kleidungsstücke und Papierbündel sind durcheinander geraten. „Sie kommen also von außerhalb? Haben Sie Geld bei sich?" „Ja", sagt der Fremde, „aber ich bin sehr mißtrauisch. Am Bahnhof hat es mir schon einer wegnehmen wollen." „So. Sie können also ein Hotelzimmer bezahlen?" Der Fremde lacht. „Gewiß könnte ich das. Ich könnte sogar hundert bezahlen, wenn es darauf ankäme, auch wenn ich jetzt vielleicht einen lächerlichen Eindruck auf Sie mache, weil ich hingefallen bin und mir das linke Hosenbein aufgerissen habe." Der andere antwortet nicht. Er hat den Koffer aufgehoben, packt den Fremden streng beim Arm und zieht ihn vorwärts, bis sie zu einer Querstraße kommen. „Warten Sie einen Augenblick, ich bin gleich wieder da." Er hat Angst bekommen, denkt der Fremde, er grault sich vor mir. Jetzt läuft er weg, dieser Feigling, und läßt mich hier in der Kälte allein. Und weil ihm die Knie so zittern, daß er sich kaum noch aufrecht halten kann, legt er den Koffer mit der Querseite auf die Straße, setzt sich darauf und schließt die Augen. Der andere kommt in einem Taxi zurück. Er hebt den Fremden vom Koffer auf und schiebt ihn, so sanft es geht, ins Wageninnere. Dann fahren sie. „Ich dachte, Sie kämen nicht mehr wieder", sagt der Fremde, „ich hätte es vollkommen begreifen können". Er nickt ein paarmal bestätigend mit dem Kopf, dann sagt er noch: „Ich finde es geradezu unheimlich, wie Sie sich um mich bemühen." Der Wagen hält. Sie steigen aus. Ohne ein Wort zu sprechen, führt ihn der andere in das Hotel, das vor ihnen liegt, matt erleuchtet von zwei ovalen bläulichen Lampen. * Man hat den Fremden in ein Zimmer im zweiten Stock geschafft. Er merkt nicht, daß er schon in Schlaf fällt, noch bevor man ihn ins Bett packt. Von einem elfenbeinernen Telefon träumt er, das auf dem Tisch steht und unablässig in regelmäßigen Abständen läutet. Jedesmal, wenn er sich dem Apparat nähert, wird er von einer unsichtbaren Macht fortgezogen. Er weiß, es ist ein wichtiger Anruf für ihn, ein besonders wichtiger 359