Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Vom Werden einer Generation
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 357 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Werden einer Generation Namen der jungen Generation zu sprechen. So wurde wieder, wie in den Anfangszeiten der „Deutsch-jüdischen Jugendgemeinschaft", mit Hilfe der Alten gegründet und organisiert. Und wieder wurde im weiteren Verlauf der Weg von der Nachwuchsorganisation zum Erziehungsbund („Bund Deutsch-Jüdischer Jugend", später „Ring") beschritten. Die Älteren, die der bündischen Lebensform entwachsen waren und die daher nicht in andere Bünde übertraten, hielten weiter Verbindung untereinander. Allerdings geschah dies nicht in dem Sinne, in dem man es erträumt hatte, d.h. durch Umwandlung der Gruppengemeinschaft in eine Lebensgemeinschaft. Denn es bestätigte sich auch hier die Erfahrung, daß ein unbedingter Kollektivismus nur bis zu einem bestimmten Lebensalter möglich ist, weil sich allmählich die Menschen differenzieren und voneinander distanzieren. Die letzte Bindung an Viele wird abgelöst durch die Bindung an den Einzelnen, und an die Stelle der intensiven Gruppenarbeit tritt die kameradschaftliche Verbundenheit. Vor einer „Verspießerung" blieb man bewahrt. Man war weiter geöffnet für Fragen und Sorgen, die über das Einzelschicksal hinausgingen und war stets zu erneuter, undoktrinärer Auseinandersetzung bereit. Man suchte den Einsatzpunkt dort, wo man ihn als dem innersten Sein entsprechend zu finden glaubte. Wenn die mechanische Bewertung geistiger Entwicklungsbewegungen von Bernhard Shaw einmal durch den Satz gegeißelt wird: „Das 19. Jahrhundert wird das Jahrhundert der schönen Künste genannt; das Resultat liegt jetzt vor", so mag dies auch gegen eine ungerechte Beurteilung von Jugendbewegungsgruppen Anwendung finden: nicht die Zahl der Erfaßten und lebenslänglich Organisierten ist das Entscheidende, sondern die Art, in der der Einzelne auf Grund seiner Erziehung im Bunde weiter seiner Vergangenheit treu bleibt. Nur der völlige Umbruch der letzten drei Jahre rechtfertigt es, bereits heute eine historische Betrachtungsweise auf Entwicklungen anzuwenden, von denen uns zeitlich nur eine geringe Spanne trennt. Die Voraussetzungen, unter denen sich die Generation, deren Werden hier nachgezeichnet wurde, entwickeln konnte, die Eingeordnetheit in das Wohnland und die bürgerliche Existenzgrundlage, sind heute entschwunden. Das Zusammenleben junger Menschen in Gruppen ist heute nicht mehr lediglich eine Frage der sinnvollen Freizeitgestaltung, sondern es schließt in sich bereits alle Probleme des Alltagslebens. Der einzelne Mensch steht heute bereits frühzeitig dem Lebenskampf gegenüber. Das ist Segen und Gefahr zugleich: Segen, weil erhöhte Anforderungen auch erhöhte Kräfte auslösen — und Gefahr, weil echtes Jungsein, im Sinne einer Aufgeschlossen- 357