Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Vom Werden einer Generation
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Berggrün heit für die geistigen Grundwerte unseres Daseins, leicht unter der Last der Tagessorgen verloren gehen kann. Für diejenigen aber, deren Jugend in eine andere Zeit zurückreicht, ist entscheidend, wie sie diese Vergangenheit heute bewerten. Mancher mag romantisch der Vergangenheit nachtrauern und mit dem Leben innerlich abschließen, andere mögen mit Ressentiment zurückblicken, weil für sie Vergangenes keinen ewigen Bestand hatte. Dann aber gibt es auch eine lebensbejahende Einstellung zum Geschehen: sie lehrt uns, das Vergangene zu lieben und aus ihm Kräfte für die Gestaltung der Zukunft zu schöpfen. Ihre erste Feuerprobe hat diese Gesinnung in den letzten Jahren bereits bestanden. Sie hat sich nicht nur als seelischer Rückhalt erwiesen, sondern auch in den Wirren um eine Neuplanung aus eigener Kraft das geistige Rückgrat gebildet. Vieles von dem, was an jüdischen Werten damals revolutionär erkämpft werden mußte, ist heute schon ganz, vielleicht sogar zu selbstverständlich geworden. Es war eine innere Mitte, die nichts von dem bequemen „goldenen Mittelweg" an sich hatte, immer kämpfend gegen die billigen Extreme auf beiden Fronten. Darin liegt ihre lebendige Kraft, liegt heute schon ihr geschichtlicher Wert. Heinz Berggrün: Dlß St(tCLt (Fortsetzung) Als ihn jemand mit derben Griffen emporreißt, kommt er wieder zur Besinnung. „Was machen Sie hier?", fragt man ihn, „was ist Ihnen passiert?". „Oh", sagt der Fremde leise, „ich suchte nur eine kleine Karte, die ich verloren habe, — nichts von Bedeutung. Sie können weitergehen, mein Herr, ich bliebe lieber allein." „Mann, seien Sie doch nicht so töricht, Sie haben Fieber, und außerdem bluten Sie am Knie. Sie dürfen hier nicht bleiben. Ich werde Sie nach Hause schaffen." „Nach Hause?" Der Fremde lacht. „Wo bin ich denn zu Hause?" Und indem er sich auf den andern stützt, der ihn festhält, flüstert er, die Augen weit aufgerissen: „Ich habe nämlich nur den weißen Punkt da im Fluß verloren, verstehen Sie? Aber es ist wichtiger, als Sie denken." „Unsinn, Sie sind besoffen. Oder Sie haben eben Fieber, ich weiß nicht recht. Machen Sie jetzt kein Theater und sagen Sie mir, wo Sie wohnen." 358