Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Vom Werden einer Generation
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Rosenstock Lebensgefühls. Man würde diese Bewegtheit in ihrem Eigenwert unterschätzen, wollte man sie einfach als „Sturm- und Drangzeit", die angeblich jeder Mensch und jede Generation durchlebt, abtun. Stürmer und Dränger anderer Epochen haben sich meist bestehenden revolutionären, auf bestimmte Teilziele ausgerichteten Bewegungen angeschlossen. Hier aber stellte eine Jugend als Jugend Forderungen auf. Daß aus ihrem Leben gegen die Welt oft ein Leben neben der Welt wurde, daß ihre Anhängerschaft hauptsächlich auf eine bestimmte bürgerliche, wirtschaftlich relativ gesicherte Schicht beschränkt blieb, soweit man sich nicht doch mit politischen Bewegungen verband, und daß aus all diesen Gründen „nicht alle Blütenträume reiften", — all dies hat in diesem Zusammenhang nicht zur Diskussion zu stehen. Das Stoffliche, d. h. die geistigen Fragen, mit denen man sich jeweils auseinandersetzte, war verhältnismäßig unwesentlich. Soweit man Werke (Ibsen, Hesses Demian u.a.) gemeinsam las, geschah es in erster Reihe, um sich menschlich näher zu kommen, nicht um irgendwelche objektiven Erkenntnisse daraus zu schöpfen. Im Zusammenleben zwischen Jungen und Mädeln bestand eine neutrale, unbefangene Atmosphäre. Während gleichzeitig in anderen Jugendkreisen die Überwindung der doppelten Moral darin bestand, daß man sich frei im eigenen Kreise auslebte, herrschte hier die Lebensform der „gestreckten Pubertät" vor. Dadurch wurden Kräfte für geistige Werte frei und die großen Erlebnisse für eine spätere, reifere Zeit aufgespart. Die Gefahren dieser Haltung waren Verkrampfung und erschwertes Sichzurechtfinden. Die jüdische Frage spielte keine erhebliche Rolle. Man empfand sich nicht als Träger einer bestimmten jüdischen Weltanschauung, sondern als Jugendbewegung jüdischen Milieus. Aus der Abgeschlossenheit des eigenen Kreises ergab sich eine distanzierte Stellungnahme zum jüdischen Gemeinde- und Parteileben. Grundsätzliche jüdische Fragen suchte man nicht von der Basis der bestehenden Organisationen aus zu lösen, sondern im eigenen Kreise. Aus der gleichen Grundstimmung heraus stand man auch dem jüdischen Gottesdienst fremd gegenüber. Soweit man sich religiös „anregen" ließ, geschah es ästhetisch, meist aus außerjüdischen Quellen bis zu Buddhismus oder Anthroposophie und ganz unverpflichtend. Aus der Ablehnung aller gesellschaftlichen Gegebenheiten ergab sich eine ablehnende Stellung auch gegen die Mechanisierung des Berufslebens. Besonders die kaufmännischen Angestellten litten unter ihrer Tagesbeschäftigung, empfanden sie meist nur als notwendiges Übel und fingen ihr eigentliches Leben erst abends im Bund an. Unter den Mädeln vor allem sattelten viele 352