Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Vom Werden einer Generation
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 351 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Werden einer Generation wie sie meinten, die Entwicklung zur „Sekte*'. Sie konnten die Ursachen ihres Mißerfolges nicht begreifen und begannen aufs neue mit der Gründung von Jugendvereinigungen. Aber wenn auch ihr Bemühen von einer falschen Grundeinstellung ausging, so war es doch im Ergebnis nicht nutzlos: durch die Bildung neuer Auffangorganisationen wurden neue Menschen gewonnen, die niemals den unmittelbaren Sprung in einen festgefügten Bund der Jugendbewegung gewagt hätten und die nun von innen her diese Entwicklung durchleben konnten. Hieraus erklärt sich auch teilweise die Vielheit der jüdischen Jugendbünde; immer wieder führten neue Ausgangspunkte zu neuen, eigengeformten Gruppen, und Rhythmengleichheit im eigenen Kreise wurde für wichtiger gehalten als hohe Mitgliederzahl oder organisatorische Einheit. „Jugendbünde pflanzen sich durch Spaltung fort", pflegte man damals scherzhaft zu sagen. Diesen typischen Weg legte auch die „Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschaft" zurück. Ursprünglich als Nachwuchsorganisation begönnert, stieß sie sehr bald die mehr vereinsmäßigen Elemente ab und wurde zur Jugendgemeinschaft. Die Jugendgemeinschaft In diesem Zeitabschnitt ist der Bund in die Reihe der zahlreichen romantischen Bünde der allgemeinen und jüdischen Jugendbewegung einzuordnen. Diese Bünde zogen sich in Ablehnung des Umweltgeschehens auf allen Lebensgebieten, mochte es Geselligkeit, Kleidung, Politik, Beruf oder sonst etwas sein, auf ein abgeschlossenes Leben im eigenen Kreise zurück, — und „draußen stets betrogen saust die geschärt'ge Welt". Im Vordergrund stand das Bemühen, eine feste Gemeinschaft mit einermöglichst großen menschlichen Nähe zwischen den Einzelnen zu bilden. Man lebte in dem Glauben, daß sich aus dieser Jugendgemeinschaft — oder vielmehr aus der Summe derartiger Gemeinschaften — eine neue menschliche Gesellschaft werde errichten lassen, frei von der Unzulänglichkeit und Überzivilisierung der älteren Generation. Man empfand Jungsein als Wert eigener Art, man fühlte sich nicht irgendeiner Partei oder Weltanschauungsgruppe verhaftet, sondern einer weitumspannenden Bewegung der gesamten jungen Generation. Das Ziel war nicht nach einzelnen Teilwerten ausgerichtet, sondern auf eine völlige, radikale Wandlung menschlichen Zusammenlebens. Es ist nicht möglich, das Fluidum, das aus dieser Haltung entsprang, in einzelne „konkrete" Programmpunkte zu zerlegen. Die Stellungnahme zur Geselligkeit, zum Gemeinschaftsleben, das Erlebnis der „Fahrt", das Hervorholen der Volkslieder und vieles andere mehr waren nicht einzelne in sich ruhende Postulate, sondern die Auswirkungen dieses neuen, „jugendbewegten" 351