Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Vom Werden einer Generation
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Rosenstock jüdische Generation in Deutschland vor dem Umschwung ihr Gemeinschaftsleben aufbauen konnte. Die Tätigkeit des Bundes fällt in die Jahre 1927—1932, also in eine Zeit, in der die Entscheidung zu jüdischer Gemeinschaftsarbeit noch freiwillig sein konnte. Denn damals standen dem einzelnen jüdischen Menschen für seine Betätigung sowohl allgemeine als auch jüdische Möglichkeiten offen. Da der jüdische Gesellschaftskörper in Deutschland nur unvollkommen entwickelt war und nur einzelne Teilgebiete umfaßte, so lockte jüdische Arbeit weit weniger als allgemeine öffentliche. Die Entscheidung zu ihr bedeutete damals einen Verzicht. Wer ihn auf sich nahm, der mußte sich ungewöhnlich fest an die jüdische Gemeinschaft gebunden wissen. Die Juden in Deutschland fühlten sich kulturell in das Leben ihrer Umwelt eingeordnet. Soweit in jüdischen Organisationen kulturelle Arbeit geleistet wurde, konnte sie daher auf der selbstverständlichen Grundlage allgemeiner westeuropäischer Kultur aufgebaut werden. Und ein Drittes: die selbstverständliche Sicherheit, mit der die jüdischen Menschen der damaligen Zeit ihre Zukunft in Deutschland sahen, mit der sie ihr Leben glaubten selbst gestalten zu können, gab ihnen erst die Möglichkeit, für den Ausbau und die Festigung jüdischen Gemeinschaftslebens in Deutschland zu wirken. Was für die damalige jüdische Gesamtlage gilt, das gilt im gleichen Maße für die jüdische Jugendbewegung. Die Verbundenheit mit dem allgemeinen Geschehen in Deutschland rief auch in der jüdischen Jugendbewegung alle Differenzierungen hervor, die die allgemeine Jugendbewegung aufzuweisen hatte, von der Nachwuchsorganisation bis zur wandervogelartigen Jugendgemeinschaft. Auch in der jüdischen Jugendbewegung durchlief jeder Bund die verschiedenen möglichen Typen der Jugendbewegung als Durchgangsstadien. Ausgangspunkt: Die Nachwuchsorganisation Einer der möglichen Beweggründe zur Bildung von Bünden war damals das Bestreben großer Organisationen, sich Nachwuchs zu sichern. Dabei zeigte es sich immer wieder, daß Jugendvereinigungen, die ursprünglich als „Massen"-Organisationen gegründet worden waren, sich in kurzer Zeit von ihrem Ausgangspunkt loslösten. Aus reinen Jugend„vereinen" wurden fest in sich geschlossene, gesellschaftskritische oder gesellschaftsfeindliche Erziehungsgemeinschaften mit strengem Auswahlprinzip, in die sich nicht jeder beliebige Außenstehende neu einfügen konnte. Die Erwachsenenorganisationen waren von derartigen Wandlungen meist nicht sonderlich entzückt, sondern sahen darin nur das Negative, den Verlust der „Massen" oder, 350