Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Jüdisches Naturgefühl
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 348 (sequence 5)
- Language
- German
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Hans Bach: Jüdisches Nationalgefühl dem Gottesdienst. Er lehrte auch, man müsse Gott selbst mit dem ,bösen Trieb* dienen, und Naturfreude war zu seiner Zeit nicht weit davon entfernt, diesem ,bösen Trieb' beigerechnet zu werden. Lassen die Reisebeschreibungen des späteren Mittelalters, die Memoiren nirgends eine Beziehung zur Natur durchscheinen, ein Naturempfinden braucht darum nicht ganz gefehlt zu haben, so wenig entwickelt es wohl war. Jedenfalls versank auch dieser Ansatz zu einer nicht einseitigen, sondern vollmenschlichen Entwicklung des Judentums wieder ohne tiefere Folgen. In Deutschland lassen Namen wie Vögele darauf schließen, daß es auch im Ghetto nicht an einer gewissen sentimentalen Naturverbundenheit fehlte, wie sie sich durch das großstädtische Leben nur verstärkt hat. Es wäre falsch, diese Art von Naturgefühl mit Lebensnähe und Lebenskraft gleichzusetzen; eher ist das Gegenteil der Fall: je dünner, ästhetischer, wurzelloser die Typen werden, um so mehr schwärmen sie für die Natur und in ihr. Selbst Dichter wie Heine bilden davon keine Ausnahme. Man muß vier Gestaltungen des gleichen Themas — Kampf des Menschen mit einem Element der Natur, dem Wasser — aus zwei aufeinanderfolgenden Dichtergenerationen, wie Goethes „Fischer", Schillers „Taucher", Eichendorffs Gedicht „Im stillen Grund" und Heines „Loreley", miteinander vergleichen, um die Unterschiede zu sehen. Goethes Held ist nicht der Fischer, sondern das Wasser; den Sinn seiner Ballade hat er selbst am schärfsten ausgesprochen: „Natur als Einheit zieht den dämonisch an sich, der es wagt, sich ihr zu entziehen, indem er sich sondert." Schiller läßt seinen Taucher tragisch untergehen am blinden Element; das Meer ist ihm gar nicht etwas für sich, keine gestaltete und gestaltende Einheit wie bei Goethe, sondern das Ungestalte schlechthin; „da unten aber isfs fürchterlich". Eichendorff malt die zauberisch süße und gefährliche Stimmung einer Vollmondnacht; seine Nixe flicht, auf einem Steine sitzend, ihr goldenes Haar, „sie meint', sie wär' alleine, und sang so wunderbar", nur ein zerschlagener Kahn ohne Insassen zeigt die Spuren ihrer Dämonie, und Morgenglocken entreißen den von ihr unbemerkten Wanderer dem gefährlichen Kreise — ein romantisches Spiel ohne Auseinandersetzung, ohne Katastrophe. Heines Lorelei nun ist keine Wasserfrau wie bei Goethe, kein verspielt grausamer Elemehtargeist wie bei Eichendorff, sondern eine sinnlich schöne Frau als Verführerin. In der Dichtung wird ihr Lied nicht wiedergegeben, und seine „wundersame, gewaltige Melodei" deutet noch immer mehr auf das magisch beschwörende als auf das bildhaft bezwingende Wort hin, die distanzierende Umrahmung des Gedichtes „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" auf eine Distanz zu dem gemalten Bilde, das durch die eigene Stimmung des Dichters seinen Gefühlston erhält. Wie in Schillers Ballade ist hier alles vom Menschen her gesehen (wenn auch vom subjektiven Dich- 348