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Der Morgen · 1936-11-01 · Heft 8 (November 1936) · p. 347

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 8 (November 1936)
Article
Jüdisches Naturgefühl
Date
1936-11-01
Page
347 (sequence 4)
Language
German
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Jüdisches Nationalgefühl bezeichnet wird — worin der Anspruch liegt, daß die ,eigentliche', die höhere Natur in der Lehre zu finden sei —, so bilden die zehn Sefirot der Kabbala zusammen einen Baum, dessen Glieder ebenfalls Anschauungsformen sind, göttliche Urkräfte, und gleichzeitig die Formeln, aus denen das Leben sich bildet. So wird eine symbolische Natur über und gegen die Natur gesetzt: wer die Formel hat, hat das Leben, das erst sie erzeugt. Hier also treten schaffender Geist und toter Stoff weit auseinander; für die lebende Form der Natur ist kein Platz mehr dazwischen. Die magische Formel der Kabbala ist von anderer Art als die abstrakt beschreibende der Mathematik, wie sie das Ideal der modernen Wissenschaft bildet: sieht man hier von dem einzelnen Ding zunächst zugunsten der Gattung ab, um dann, mit einer zweiten Abstraktion, deren typische Eigentümlichkeit als Gesetz zu fassen, so ist die kabbalistische Formel zwar ebenfalls unanschaulich, doch nicht beschreibend, sonsern schaffend: ein Gebilde aus Lehm wie der Golem gewinnt Leben, wenn die höchste der schöpferischen Formeln, der Gottesname, ihm aufgeheftet wird. Aus den wissenschaftlichen Formeln, in denen die Wesenserkenntnisse unserer Zeit sich niederschlagen, bilden wir eine „Weltanschauung"; die Mystik des Mittelalters setzte symbolische Formeln zu dem Gesamtbild einer unsichtbaren, für sie jedoch allein wirklichen Welt des schöpferischen Geistes zusammen, der gegenüber das einzelne Naturding nicht wesentlicher war als dem Botaniker heute ein einzelner Baum. Das Gefühl der Herrschaft des Menschen über die Natur bildete sich damals aus tieferer Seelenschicht, weil die Natur noch eine andere Kraft, noch nicht gezähmt war. Das schloß scharfe Naturbeobachtung im einzelnen bei Astronomen, bei Ärzten und auch ein persönlich inniges Verhältnis zu lebendigem Wachsen und Sprießen genau so wenig aus wie bei einem heutigen Gelehrten. Es ist freilich schwer, sich heute noch darein zu versetzen, denn der Schlüssel zu diesen Reichen ist längst verloren, und nur auf einzelnen Gebieten wie im Übergang der Alchemie zur Chemie, an einzelnen Grenzpersönlichkeiten wie Agrippa von Nettesheim oder Paracelsus, die auch von jüdischen Bestrebungen ihrer Zeit nicht ganz unbeeinflußt sind, vermag man die großen und keineswegs sinnlosen, nur verhüllten Erkenntnisse jener Generationen noch zu erahnen. In dem schon versinkenden Chassidismus des Rabbi Nachman hat das idyllische und heroische Natursehen der Italiener noch eine späte Blüte getrieben, gegen das Ende des 18. Jahrhunderts hin, wo im übrigen Europa schon seine Endform, die wehmutvolle ,Rückkehr zur Natur' aus einer sich entseelenden Zivilisation, in Rousseaus Werken ihre seither unbestrittene Herrschaft antritt. Rabbi Nachmans Weg aus dem Gestrüpp von Rationalismus und Askese, das diese letzten Jahrhunderte im Judentum gehäuft, suchte in der Naturfreude nicht Gotteserkenntnis wie die Renaissance, son- 347

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