Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Jüdisches Naturgefühl
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 349 (sequence 6)
- Language
- German
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Werner Rosenstock: Vom Werden einer Generation ter statt von der erlebenden Person, und darin liegt der Generationsunterschied), nicht wie bei Goethe und Eichendorff aus der Natur. Erst gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts, ja eigentlich, durch den Einfluß des Reisens und der Jugendbewegung, erst in den letzten Jahrzehnten ist in Deutschland eine echtere Ausbildung des Natursinns an die Stelle dieser mehr literarisch sentimentalen getreten. Eine weitere Stufe jüdischen Naturgefühls zeigt sich in der seelischen Haltung, die heute das Bild des palästinensischen Lebens bestimmt. Rousseausche Züge der Jugendbewegung und die scharfen Akzente der plötzlichen Befreiung aus dem naturfernen Ghetto des Ostens, die sich mitunter bis zu einem Naturrausch steigern, mischen sich seltsam mit den Überlegungen bäuerlichnüchterner Seßhaftigkeit. Bäume sind deshalb, weit über alle praktische Nützlichkeit und Dringlichkeit ihrer Anpflanzung hinaus, zum Symbol geworden, zum sichtbaren Zeichen eines neuen Naturmythos. Es ist ein weiter Weg von der geistigen Naturbeherrschung, von der Vorherrschaft des Menschen über die Natur, die seit alters her das Kennzeichen des Judentums war, bis zu diesem Stadium grundsätzlicher Umkehr, zu einem Dienste an der Natur, der zwar ohne religiöse Formen, doch nicht ohne religiöse Tönung geschieht. War noch Mendelssohn ganz eigentlich aus Gram über die Frage gestorben, ob sein Freund Lessing sich Spinozas 'Deus sive Natura' zu eigen gemacht, so ist nun nicht einmal das „oder" zwischen Gott und Natur, sondern nur die Natur übrig geblieben. Doch auch das ist nur ein Stadium in dem uralten Kampf zwischen Natur und Geist im Judentum, der zu den Zeiten der Bibel Götzendienst hieß, dann in weit ausholendem Pendelschlage in das extremste Gegenteil schwang und sich nun wieder zurückbewegt. Es wird noch nicht die letzte Schwingung des Pendels gewesen sein. Werner Rosenstock: Vom Werden einer Generation Aus der Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung Im Gedenken an Ludwig Tietz (gest. 4. November 1933) Wenn im folgenden versucht wird, die Entwicklungslinien eines verhältnismäßig kleinen, hauptsächlich in Berlin wirksam gewesenen Bundes, der „Deutsch-Jüdischen Judengemeinschaft", nachzuzeichnen, so geschieht es nicht lediglich, um einer Chronistenpflicht zu genügen. Es soll vielmehr vor allem untersucht werden, auf welcher sozialen und kulturellen Grundlage eine 349