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Der Morgen · 1936-11-01 · Heft 8 (November 1936) · p. 346

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 8 (November 1936)
Article
Jüdisches Naturgefühl
Date
1936-11-01
Page
346 (sequence 3)
Language
German
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Hans Bach empfunden worden sein muß, die doch notwendig war, um die tiefere Lebenskraft des Judentums zu erhalten. Jenseits des Zaunes ist das natürlich-freie Leben der biblischen Zeit, der Patriarchen, die „groß und heiter waren wie die Natur" (Herder), eine Welt von der sinnlichen Unmittelbarkeit und Kraft wie der des Hohenliedes, die in der Weltliteratur selten, in der jüdischen nie wieder erreicht worden ist. Und diesseits wird sich bald der Zaun als neue Grenze auswirken, die die feine Unterscheidung zwischen erlaubtem, ja selbstverständlichem Naturempfinden und seinem Zusammenstoß mit dem Geist der Lehre nicht mehr versteht und braucht, weil die Lehre allein ihr ein und alles ist. Selbst am Ruhetag sperrt die Sabbatgrenze das freie Schweifen in die Natur, und die Beschäftigung mit der Lehre, das Leben im jüdischen Brauch hüllt die Menschen noch fester ein, schafft etwas wie eine fugendichte Glasglocke um sie. Nicht daß der Verkehr mit der Welt, der Sinn für praktisches Wirken in ihr sich darum verloren hätte; aber die Wertakzente haben sich verschoben. So wenig einheitlich das jüdische Leben der nächsten Jahrhunderte nach Kulturhöhe und Kulturformen äußerlich verlief, so gleichmäßig zeigt es sich durch diese Abschnürung von der umgebenden Welt überall, wo ein Blick sich noch eröffnet, von innen. Wandelte sich wohl auch die Liebe zu den Orten der Kindheit später in Sehnsucht um, so ist doch nie davon die Rede: Zion gilt das Heimweh, gilt die Sehnsucht. Wie erstarrt wirken die unsinnlichen Metaphern der späteren hebräischen Hymnendichtung gegenüber dem prall lebendigen Bild der Propheten oder des Hohenliedes, — rhetorische Zierstücke des Ausdrucks, Kleinmünzen der Literatur. Das Mittelalter, auch das jüdische, ist beeinflußt durch Aristoteles, durch die griechische Rhetorik, die in festgeprägten geistigen Formen denkt, in Auffassungsbildern, die sich als Kategorien zwischen Natur und Menschen schieben und jedes individuelle Leben dem Stil unterordnen, wie es uns heute noch etwa an der chinesischen Literatur auffällt, — weniger unnatürlich, als es sich heute nachfühlt, doch nicht unmittelbar. Viel naturnäher steht das niedere Volk in der Welt. Wie sonst in das Volkslied, hat sich eine zarte Poesie in Bildern von Pflanze und Tier in den Midrasch, in die Aggada gerettet; nur nicht als Selbstzweck, sondern als Anschauungsmaterial der Ethik und Moral: der Vorrang der Ethik bleibt auch hier gewahrt. Die Sinnlichkeit der Bibel erhält den Gedanken an naturnahes Leben immer wach, auch wenn es nicht gelebt wird und in messianische Träume sich verspinnen muß. In den kargen Freistunden, die Handel und Haus ihnen läßt, sticken die Frauen Traumblumen auf die Wimpel mit den Namen ihrer Söhne, mit denen die Tora umwickelt wird. Etwas ganz Neues setzt die Mystik der Kabbala an die Stelle der rhetorischen Formen. Wie die Tora als „Baum des Lebens" 346

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