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Der Morgen · 1936-11-01 · Heft 8 (November 1936) · p. 345

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 8 (November 1936)
Article
Jüdisches Naturgefühl
Date
1936-11-01
Page
345 (sequence 2)
Language
German
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Hans Bach: Jüdisches Nationalgefühl leben, 'nature morte'. Bei Blitz oder Wirbelsturm, Überschwemmung oder ungewöhnlicher Kälte, überall da, wo die Natur ihre dämonische Pranke zeigt, stellt sich das ursprüngliche Verhältnis des Kampfes, des Mißtrauens, der Abgrenzung wieder her. Die jüdische Geschichte ist unter zuviel verschiedenen Himmelsstrichen, innerhalb zu mannigfaltiger Grade der Zivilisierung verlaufen, als daß es überflüssig wäre, an solche Bedingtheiten des heutigen Naturgefühls zu erinnern, bevor wir uns nun den Formen des jüdischen zuwenden. In den „Sprüchen der Väter" ist von einem der tannaitischen Lehrer um die Wende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts — also eine Generation nach der Tempelzerstörung — der Satz überliefert: „Wer unterwegs lernt und sein Lernen unterbricht mit dem Ausruf ,Wie schön ist dieser Baum!' oder ,Wie schön ist dieses Feld!', — dem rechnet die Schrift es an, als hätte er das Leben verwirkt." Das ist scheinbar das Härteste, was es an Ablehnung der Natur geben kann, und mag jetzigem Empfinden halb empörend, halb verächtlich dünken. Doch ist es ein Lehrsatz der Schule, genau, streng und großartig: nicht der beliebige Aphorismus eines Unverantwortlichen, sondern eine ersichtlich kurze Zusammenfassung langer Erfahrung, die eine ganze Philosophie der Natur in sich schließt. Denn keineswegs wird, wie es dem ersten Blick erscheint, die Freude an der Natur, die Liebe zu ihr überhaupt verurteilt. Im Gegenteil, es muß eine Zeit gewesen sein — eine Zeit wie die, heutige —, geneigt, die Natur über die Lehre, über den Geist zu stellen, sonst wäre solch schroff e Grenzziehung überflüssig gewesen. Man kann aus der Fassung des Lehrsatzes sogar noch ein Stück damaligen Naturempfindens erkennen: außer dem Baum ist nicht von einem beliebigen Feld die Rede, sondern von einem „Neubruch", jungfräulichem Boden also, den eben erst der Pflug durchfährt; die frisch umbrochenen Schollen dampfen, vielleicht sind Arbeiter in langer Kette, Sklaven etwa, am Werk, die Steine auszugraben und wegzuschaffen — ein Bild, das durch die Zeit nichts von seinem Reiz verloren hat. Der alte Gesetzeslehrer bestreitet diesen Reiz nicht, kennt ihn wohl sogar gut; innerhalb der hellenistischen Kultursphäre mag sich wohl etwas dem heutigen Städtertum Analoges entwickelt haben. Gerade deshalb hält er seiner naturempfänglichen Zeit vor Augen, daß die Beschäftigung mit der Lehre — um die handelt es sich nur — keine Unterbrechung duldet. Denn die Tora ist von Gott gegeben, und der Geist der Lehre geht vor dem Reiz der Natur. Hier, an einem wichtigen Punkt des Verhaltens zur Welt, ist also noch zu erkennen, wie damals vor 1800 Jahren der Zaun um das Gesetz gelegt wurde, der über das ganze Mittelalter hinweg dicht gehalten hat. Die Härte des Ausdrucks läßt es noch nachfühlen, wie schwer und einschneidend zunächst die Entsinnlichung 345

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