Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Jüdisches Naturgefühl
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 344 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895561-2906591--09269-2906635- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hans Bach: Jüdisches Naturgefühl Die Eskimos an den Gletscherfjorden Grönlands, die Beduinen der "Wüste kennen das nicht, was wir Naturgefühl nennen. Sie haben weniger und mehr: die einen wittern, wenn der Gletscher kalbt, die andern spüren den Samum nahen. Sieht der Eskimo sich je anders um als auf der Jagd nach der Robbe, nach dem Bären, so ängstigt er sich vor den Geistern, die das Reich der Natur bevölkern; und der Beduine wendet den Blick nicht zu den majestätischen Sternen, sondern zu Allah, dem Göttlichen, das über ihnen wohnt. Nur dem gewohnten Horizont entrissen, spüren beide plötzlich, daß er zu ihnen gehört, daß sie selbst in ihm verwachsen sind, — Kinder der Natur in Angst und Liebe, doch unbewußt, ungeteilt, naiv. Auch in Europa ist es nicht so lange her, als man denken möchte, daß Menschen einen Blick dafür bekamen, die Natur könne schön sein. Solange im Winter Wölfe bis an den Rand der Städte kamen — und das war noch nach dem Dreißigjährigen Kriege nicht selten —, hatte man sich zu wehren. Die Italiener der Renaissance empfanden zuerst die Natur als gezähmt genug, um sich nicht mehr vor ihr zu fürchten. Erst Leonardo da Vinci sah sie mit den nüchtern beobachtenden Augen des Technikers und Forschers an und mit den formenhungrigen des Künstlers, und der Dichter Petrarca ist der erste Mensch der Neuzeit, der ins Hochgebirge stieg, um einen Sonnenaufgang zu erleben. Aus dem unvergleichlichen Aufschwung heraus, mit dem damals der Mensch sich seiner Kraft bewußt wurde, war das ein kühner Vorstoß ins Unbelebte, der lange keine Nachfolge fand; noch in Stifters „Nachsommer" fühlt man den zaghaften Mut einer Bergbesteigung aus der Schilderung nach. Aber noch mehr gehörte dazu als der Kraftüberschwang der Renaissance: die Entdeckung des Franziskus von Assissi, daß das Reich der Natur nicht abgetrennt von dem der „Gnade", daß auch die Natur Gottes sei; und, wenn man will, die Entwicklung des Handels und Verkehrs, der Kriegstechnik, des Bankwesens, der Machtkämpfe in Italien — kurz alle die Gründe, die dort früher als im übrigen Europa zur Bildung von Städten und, noch mehr, von Stadtmenschen führten. Denn Naturgefühl setzt Distanz voraus: Bauern und Förster sehen nicht auf die Schönheit, sondern auf den Nutzwert von Feld und Wald — Naturverbundenheit und Naturgefühl sind ein sehr verschiedenes Ding. Und nicht umsonst nennen die Franzosen eine der kennzeichnenden künstlerischen Ausdrucksformen des modernen Naturgefühls, das Still- 344