Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Zu Disraelis "Tancred" [Rezension]
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 328 (sequence 2)
- Language
- German
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auch seine im „Tancred" entwickelten phantastischen Mysterien von einem englisch-asiatischen Imperium in die Wirklichkeit umgesetzt. Als Roman hat uns der „Tancred" heute weniger zu sagen als durch seine Gedankenfracht, gerade das „Romanhafte" ist das Überholte daran; dagegen ist es in literarischer Hinsicht nicht reizlos, die „Nathan"-Luft zu wittern, die die Religionsgespräche um Judentum, Christentum und Islam umgibt — hatte doch noch der alte konservative Reaktionär Walter Scott am Schluß seines „Ivanhoe" einen Hauch davon verspürt. „Tancred oder der neue Kreuzzug"' knüpft an die Schilderung der politischen und sozialen Verhältnisse in England an, die Disraeli in „Coningsby" und „Sybil" geschildert hatte. Tancred, Lord Montacute, dessen Ahn an den Kreuzzügen teilgenommen hatte, reist in das Heilige Land als in das Land der Inspiration, das einzige, in dem sich Gott selber der Menschheit geoffenbart hätte. Im Heiligen Land läßt Disraeli ihn die Grundzüge seiner eigenen Orientpolitik aussprechen: die Erlösung Englands aus seiner Insel-Isolation, Verlegung der Regierung des Imperiums nach Delhi, Erwerb Zyperns. Von trauriger Aktualität ist die Araberfrage, deren Lösung die Wirklichkeit schwieriger erweist als Disraeli ahnte. Immerhin weist Disraelis „biblischer Humanismus" Wege der Verständigung: „Jerusalem wird stets Israel oder Ismael gehören!" Als Bibelkundiger schmeckt er die Landschaft. Arabische Tradition hat die Namen der biblischen Orte bewahrt, wie der „Teiche Salomos", die Araber verehren den „Scheich Abraham" und Mose, den Gott dazu ausersehen hatte, nicht nur der arabischen Welt Gesetze zu geben und der sich mit den Midjanitern verschwägerte. Ein arabischer Politiker spricht aber auch das prophetische Wort aus: „Nationalität, ohne die Rasse als Vorwand, ist wie der Rauch dieses Nargileh." Von nicht minderer Aktualität ist Disraelis Kritik am Fortschrittsglauben, alles das, was er über das Verhältnis von Zivilisation und Moral sagt, über Parlamentarismus und Manchestertum, über Masse und Persönlichkeit, über Glauben und Materialismus. Der Jude Disraeli wird zum Kronzeugen für Forderungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund der Judenfrage, die immer wieder hineinspielt, gewinnt die Erscheinung Benjamin Disraelis scharfe Kontur. Als er sich über die Leiden des jüdischen Volkes ausläßt, kommt er auf die Schuldfrage am Tode Christi zu sprechen und fragt rationalistisch: aber welche Schuld trifft dann jene Juden, die zur Zeit der Kreuzigung gar nicht mehr im Heiligen Lande lebten? Und er verzichtet nicht auf das theologishe Argument: woher wisse man denn, daß Gott die Selbstverwünschung der Juden bei der Verurteilung Christi angenommen habe? Er lehnt die Beurteilung der Zerstreuung als eine göttliche Strafe ab und der stolze Jude und begeisterte Christ — Disraeli war mit zwölf Jahren getauft worden — versteigt sich zu der Bemerkung, daß das Judentum der Kirche selbst die Autodafes verzeihen müßte, da es der Welt das Christentum geschenkt habe. 328