Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Zu Disraelis "Tancred" [Rezension]
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 327 (sequence 1)
- Language
- German
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Za Disraelis „Tancred*6 „Die Poesie ist das Sicherheitsventil meines Geistes, aber ich wünsche in die Tat umzusetzen, was ich mir erdacht habe." Von keinem seiner Bücher gilt dieser Satz Disraelis berechtigter als von dem Roman „Tancred oder der neue Kreuzzug", den die Jüdische Buchvereinigung und der Verlag Erwin Loewe in einer gekürzt übertragenen und klug eingeleiteten Neuausgabe Julius Elbaus vorlegen. Dieser Roman, ein Nachklang von Disraelis „Pilgerfahrt" nach Palästina, die er als Byron-Bewunderer unternahm (und um den Skandal vergessen zu machen, den das Erscheinen seines ersten Romans „Vivian Grey" verursacht hatte), hängt in der literarischen Konzeption noch mit den unmittelbaren literarischen Ergebnissen der Reise zusammen: mit dem englischen Entwicklungsroman „Contarini Fleming", einem Selbst- und Wunschbildnis des „Dichters" Disraeli, und dem „David Alroy", seiner künstlerisch wertvollsten Schöpfung, in der er seine Führersehnsüchte im Bilde des jüdischen Messias aus dem Jahre 1000 gestaltete. Anderthalb Jahrzehnte nach seinem Aufenthalt im Heiligen Lande stand Disraeli vor Übernahme der Führerschaft der konservativen Partei. Unmittelbar davor zeigten zwei Ereignisse, wie weit er inzwischen in seinem Leben d*ie Einheit von Geist und Tat gewonnen hatte. Das eine war Disraelis Verhalten nach der Wahl Lionel of Rothschilds ins Unterhaus, als Lord John Russell für die Liberalen die Abschaffung der Formel beantragte, nach der die gewählten Kandidaten den Schwur auf den wahren Christenglauben leisten mußten. Die konservative Partei, in der Disraeli Karriere machen wollte, stimmte dagegen — mit Ausnahme Disraelis und des Parteiführers, Lord Bentin ck, den die Rede seines Freundes Disraeli dazu bestimmt hatte. Er mußte deshalb demissionieren und nach seinem bald danach erfolgten Tode ward Disraeli sein Nachfolger. In seiner Rede hatte Disraeli auf den konservativen Charakter der Juden hingewiesen, die man nicht durch falsche Behandlung den Parteien der Revolution in die Arme treiben dürfe. Das andere Ereignis, mit dem Disraeli seine Karriere gefährdete, war eben der Roman „Tancred", in dem er die gleichen Positionen anlegte und verteidigte wie in der Affäre Rothschild. Der „Tancred" ist weniger ein jüdischer als ein englischer Roman, er ist der abschließende dritte Band einer Trilogie politischer Zeitromane, deren erster, „Coningsby oder die neue Generation" das konservative Programm durch neue soziale Ideen auffrischt, während der zweite, „Sybil oder die zwei Nationen" um Überwindung des Klassenkampfes bemüht ist. Und wie er im Falle Rothschild gemäß seiner Auffassung vom Judentum gehandelt hatte, dessen Kraft und Adel er im „Tancred" huldigte — im Christentum sieht Disraeli die Form des Judentums, durch die es auf die Weltvölker wirkte —, so hat er später als Premierminister der Queen 327