Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Galut
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 323 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Galut übersehen freilich darf man, daß diese Glaubenshaltung, die gewiß spät und reflektiert ist, Ausdruck einer großen Verinnerlichung bedeutet, daß in allen Zeiten die Galut auch als willkürliche Gewalt verstanden4) und die nationale Anormalität, die Unterlegenheit des physisch und politisch Schwächeren, der Übermut des Herrschenden immer auch als durchaus diesseitige Leiden angesehen wurden. Aber bei tieferer Besinnung und bewußt religiöser Fragestellung wurde hinter dem politischen Schicksal, gegen das man angesichts der Verfolgungen und Unterdrückungen naturgemäß protestierte und sich aufbäumte, auch stets die als Heilsplan geglaubte Bestimmung sichtbar, und diese — die Leiden des erwählten Volkes seien Erweis der Liebe Gottes — ist bis zur Ghettodämmerung in allen Zeiten der Galut bewußt geblieben und festgehalten worden. Nun hat Baer zwar viele Meinungen, die im Laufe der Jahrhunderte über die Galut geäußert worden sind, zusammengetragen und untersucht. Jedoch die entscheidende Seite des jüdischen Galutbewußtseins ist ihm verborgen geblieben, da er durch eine parteiische Brille auf die jüdische Geschichte sieht und füglich auch an eine Normalisierbarkeit des Judenschicksals glaubt, d.h. an die Aufhebbarkeit der Galut durch politische Maßnahmen und Aktionen. Sonst würde er am Ende seines Buches nicht zu abschließenden Urteilen kommen können, die wohl dem natural-nationalistischen Bewußtsein unserer Tage entsprechen, jedem j üdisch-religiösen Denken und Empfinden aber ins Gesicht schlagen. S. 102 heißt es wörtlich: „Die Galut bedeutet das Verlassen des natürlichen Ortes. Aber alle Dinge, die ihren natürlichen Ort verlassen, verlieren ihren natürlichen Halt, bis sie an ihren Platz zurückkehren. Die Zerstreuung Israels unter den Völkern ist etwas Unnatürliches. Da die Juden eine nationale Einheit bilden, und zwar in weit höherem Grade als die anderen Völker, ist es nötig, daß sie wieder zu einer faktischen Einheit werden. Auch ist es nach der Ordnung der Natur nicht erträglich, daß eine Nation die andere knechte; denn Gott hat jede Nation für sich geschaffen. Die Galut kann also nach dem Naturgesetz nicht ewig dauern." Es geht aber nicht um „Naturgesetze" und nicht nach „Ordnung der Natur" — dann wäre Israel nämlich längst untergegangen, sondern es geht darum, das Wesen dieses Volkes ernstzunehmen, das es in seinem Ursprung hat, in der Auserwählung, aus der sich dann auch seine Geschicke herleiten, gerade wenn der Weg ins Dunkle führt, ins edomitische Elend, über dessen gottgewirktes Ende es im Talmud heißt: Der Tag der 4) Spuren dieses Verständnisses dürfte — worauf mich Julius Freund (Wiedenbrück i. W.) dankenswerterweise aufmerksam macht — dieser Beginn des Mussafgebets Fjom rischon schel rosch-ha-schana enthalten: „Und wegen unserer Sünden wurden wir aus unserem Lande verbannt-- --wegen der Hand, die sich ausgestreckt hat gegen dein Heiligtum/4 Im Seplemberhefi schrieben über: .Gegenwart und Zukunft der jüdischen Liieraiur" u. a. Hans Bach, Max Brod, Georg Hennann, Else Lasker- Schüler, Ernst Lissauer, Alfred Mombert, Sorna Morgenstern, Jakob Picard, Kurt Pinthus, Alfred Wolfenstein, Otto Zarek, Stefan Zweig Im Novemberheft werden schreiben: Martin Buber, Zum Einheitscharakter des Jesajabuches; Hans Bach, Jüdisches Naturgefühl; Wemer Rosenstock, Vom Werden einer Generation 323