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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 324

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Galut
Date
1936-10-01
Page
324 (sequence 4)
Language
German
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Hans Joachim Schoeps: Galut Exulanteneinsammlung wird so bedeutend sein w ie der Tag, an dem Himmel und Erde geschaffen worden sind. (R. Jochanan in Pesachim 88 b.) Und wenn Baer einen Satz fertigbekommt wie diesen: „Denn die Galut ist die Aufhebung der von Gott gesetzten Ordnung" (S. 102), so muß ihm der Jude antworten, daß Gott selber mit der Verhängung der Galut diese Ordnung aufgehoben und durch seine Propheten dem Volke Israel eine zukünftige Ordnung verheißen hat, die verbunden ist mit der Wiedererrichtung des Tempels, der Wiedereinführung des Opferdienstes und des Gottesstaates in Erez Israel, der aber nie und nimmer ein Staat sein kann auf der Basis von Macht und Gewalt — nach den Maßen dieser Welt. Und damit haben wir an das letzte und entscheidende Mißverständnis gerührt: Baer meint, wie die meisten Juden Westeuropas, Galut sei nur ein Raum begriff, etwa ein Synonym für chuz laarez (außerhalb des Landes). Für unsere Väter aber war Galut — und so wir Juden sind, muß es das auch für uns noch sein — vornehmlich ein Zeitbegriff. Galut ist Weltzeilcpoche. Am Ende der Galut steht die Geulla, stehen die „Tage des Messias", in denen Leid und Not, Sünde und Krieg überwunden und ausgelöscht sein werden. Edom wird im Schrifttum neben anderen Benennungen auch „das reißende Tier im Rohr" oder einfach „Admoni" genannt, d.h. der Rote, der rot ist vom vergossenen Blut der Kriege. Das edomitische Elend hat im Laufe der Jahrhunderte über die historische Bedeutungsfülle hinaus eschatologische Qualität bekommen. Es hört darum auch nicht auf, wenn heute viele, selbst nicht, wenn alle Juden nach Erez Israel ziehen —denn auch Erez Israel ist heute ein Teil von Edom —, sondern wenn der Herr den neuen Bund schließt, der durch den Mund des Propheten Jirmejahu (3i, 33) verheißen ist: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihr Inneres schreiben." — Freilich, daß dies geschieht und die Prophetenvisionen des Jeschajahu in Erfüllung gehen — die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen zu Sicheln umgeschmiedet werden, steht jenseits aller politischen Aktionen, ist nicht erreichbar mit den Mitteln dieser Welt. Es steht bei Gott, wann es geschehen wird. Solange ist Galut — von Menschen Hand nicht aufhebbar —, solange dauern die Leiden Israels, ob ihr Schauplatz nun Polen, Brasilien oder Palästina heißt. Daß die Bebauung des Landes dennoch eine Mizwa ist — meint aber die heute geläufige Rede von der „Erlösung des Bodens" dies wirklich im Sinne der Tradition? —, daß es segensreich ist, in Erez Israel zu sterben — das alles freilich bleibt bestehen. Und solange wir noch nicht leben in der zukünftigen Welt, werden wir uns schlecht und recht einzurichten haben in dieser Welt, der wir aber als das „heilige Volk" nicht verfallen können, sondern in der wir, bei aller Verpflichtung gegen ihre Ordnungen und bei aller Anteilnahme an ihren Geschicken, Gäste bleiben im Sinne des Psalmwortes: „Ich bin ein Gast auf Erden, Herr, verbirg deine Gebole nicht vor mir" (119, V. 9). Und dies gilt auch für das Land der Verheißung, für Palästina — im Sinne dieser wie im Sinne jener Welt. Diese letzten Ausführungen greifen schon über das hinaus, wras der Historiker Baer mit seinem Büchlein über die Galut zeigen wollte. Aber über die Galut kann man eben — so man das Thema erkennt, das Erwählung und Verbannung, Leiden und Erlösung Israels heißt — nur als Historiker nicht sprechen — oder wenigstens nicht das letzte Wort behalten. 324

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