Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Galut
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Joachim Schoeps ebenfalls eine sorgfältige Analyse von dessen zahlreichen Schriften verlohnen. Entscheidend für die Darstellung des jüdischen Galutverständnisses, wenn man sich nicht auf bloße historische Wiedergabe beschränkt, sondern systematische Erkenntnisse gewinnen will — und der Verfasser zieht für die Gegenwart Folgerungen prinzipieller Natur — ist die Frage nach den Gründen der Verbannung. Warum hat Gott über uns Juden die Galut oder — wie die traditionelle Aussprache lautet — den Golus verhängt? Die Literatur zu dieser Frage ist endlos, wird aber von Baer überhaupt nicht berührt, wahrscheinlich weil für ihn die Fragestellung bedeutungslos ist. An ihr entscheidet sich m. E. aber alles, was über Wesen und Sinn der Galut für einen Juden überhaupt aussagbar ist. Es seien daher hier zunächst die Hauptanlworten genannt, die —- soweit ich sehe — stets wiederkehrend gegeben worden sind: In der Tradilionsliteratur werden zunächst meist vier Galujot unterschieden: die babylonische, medische, griechische und römische Gefangenschaft. Letztere — gewöhnlich Ma 1 chut oder Memschelet Edom, auch Galut rewii (das vierte Elend) genannt — wird in Auslegung der Visionen Daniels (das vierte Tier in 7, 11 wird auf Rom gedeutet2)) für größer angesehen als die drei übrigen Reiche. Die Gründe für das edomilische oder römische Elend und seine lange Dauer werden aber — neben der auch für die früheren Exile geltenden Verschuldung, die Erlaß- und Jobeljahre nicht gehalten zu haben — speziell in dem Verhalten Jakobs gegen Esau (Edom) gesehen. Der Jalkut Chadasch (gedruckt 1669) nennt folgende Gründe: 1. Weil Jakob, der heilig war, sich vor Esau unheilig gemacht und das Gebot Gen. 25, 23 (Der Größere soll dem Kleineren dienen) nicht geachtet habe. Dafür, habe Gott geschworen, werde Edom über Israel herrschen in dieser Welt, Israel aber in der zukünftigen Welt die Herrschaft haben. 2. Wegen der Verkaufung des Josef, der zwölf Jahre im Gefängnis war, ist die Strafe über die zwölf Stämme ergangen, daß sie im edomitischen Elend seien, 3. Die Galut und alle Plagen kommen wegen Esaus Tränen3). Galut Romi heißt, daß Israel aus den genannten Gründen — um unserer Sünden willen — an Edom verknechtet sei und bis auf Widerruf (d.h. auf ein Wunder von Gott) das edomitische Elend zu ertragen habe, das freilich auch das letzte "sein werde. „Wenn Er uns aus dem Malchut Edom erlösen wird, geraten wir in keines Reiches Dienstbarkeit mehr." (Pesikta 110b zu Jes. 45, 17.) Nun kann man gewiß sagen, diese Erklärung hätten sich unsere Väter post festum zurechtgelegt, um ihr Elend ertragen zu können. Sagt man dies aber so, so hat man auch schon ihren Glaubensboden verlassen. Nicht 2) Gelegentlich wird auch Gen. 15, 9 für die Ausdeutung des römischen Golus herangezogen, daß Abraham in Gestalt der vier Opfertiere die vierfache Knechtschaft seiner Nachkommen angezeigt wurde. — Die erste Bezeichnung „Reich Esaus" für Rom gibt wohl IV Esra 6, 9. In der jüngeren Agada ist Edom als Bezeichnung für Rom und christliche Kirche schon gang und gäbe. 3) Vgl. dazu den schönen Midrasch Tehillim 80, 8: „Herr der Welt! Für Esaus drei Tränen hast du ihm die Weltherrschaft erteilt und ihm Wohlstand gegeben, um wieviel mehr solltest du bereits die Schmach deiner Kinder und die endlosen Tränen Israels sehen." 322