Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Galut
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 321 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Joachim Schoeps: Gcilttt Nach der Verknechtung in Mizrajim kam die Erlösung durch Moses, nach der Verknechtung durch Babel kam die Erlösung durch Daniel. Dann kamen die Verfolgungen durch Elam, Medien und Persien und die Erlösung durch Mardochai und Esther. Danach die Verknechtung durch Hellas und die Erlösung durch die Hasmonäer und ihre Söhne. Und dann kamen sie in die römische Gefangenschaft. Da sprachen die Israeliten: Wir sind es müde, erlöst und unterjocht, erlöst und wieder unterjocht zu werden. Wir wollen keine „Erlösung" mehr durch Menschen Hände. Erlösung kommt nur von Gott Midrasch Tehillim 36, 10. Jizchak Frilz Bacr, Professor an der Universität Jerusalem und Verfasser bedeutsamer Untersuchungen zur Geschichte der Juden in Spanien, legt im Rahmen der Schockenbücherei (Bd. 61) einen Band „Galut" vor. In diesem Büchlein unternimmt er es. „das eigene Urteil unserer Vorfahren über das Problem der Galut" darzustellen in der Absicht, dem Leser einen Begriff von den Wandlungen des Galutbewußtseins im Laufe der Jahrhunderte zu geben. Auch dem Leser, der ohne Kenntnis der Dcnkbemühungen unserer Vorfahren an die Lektüre dieses Bandes herangeht, wird ohne weiteres klar werden, daß eine solche Untersuchung an die zentrale Frage unserer Existenz rühren muß, daß und warum wir als Israel unter den Völkern leben müssen. Leider rechtfertigt Baer trotz seiner reichen Kenntnisse unsere Erwartungen nur teilweise. So interessantes und für weite Kreise unbekanntes Material er auch heranzieht und so lichtvoll etwa die Darstellung der weniger bekannten spanischen Exulanten Schlomo ibn Verga und Simone Luzzatto in ihren Beiträgen zum Galutproblem gelungen sind — auch die Formulierungen über Spinozas Position sind zu rühmen —, so rächt sich doch der Grundfehler in der Anlage des Büchleins, daß „das Geschichtsbild des spätantiken Judentums" auf nur vier Seiten behandelt worden ist. Denn fast alles, was bis zur Neuzeit hin an prinzipiellen Äußerungen vorliegt, kommentiert entweder die Strafandrohungen in Numeri 26 und Deuleronomium 28 nebst biblischen Parallelstellen oder bezieht sich auf talmudische Diskussionen1) und einige Midraschim, die stets erneut kommentiert worden sind. Neben den Piulim und Sslichot hätte eine zulängliche Untersuchung fernerhin die Jalkutim des Mittelalters und zahlreiche Kommentatoren zu befragen, wenn ergründet werden soll, was die wirkliche Volksmeinung der Jahrhunderte über die Galut gewesen ist. Die von Baer für dieses Thema erkannte Sonderbedeutung des Abravanel würde!) So Talmud Babli Tr. Sabbat 119 b, wo auf die Frage warum Jerusalem zerstört worden ist, acht Antworten gegeben wurden, die zudem — wie Marmorstein (Religionsgeschichtliche Studien H. 2, p. Ulf) überzeugend nachgewiesen hat — den homiletischen Zweck haben, der Lehre der Kirche zu entgegnen, daß Jesu Kreuzigung die Ursache der Tempelzerstörung und Verbannung sei. Die angeführten Gründe sind: 1. weil sie den Sabbat entweihten, 2. weil sie das Sch'magebet früh und abends abgeschafft haben, 3. weil sie das Lernen vernachlässigten, 4. weil sie Klein und Groß gleichgestellt haben, 5. weil sie einander nicht ermahnten, 6. weil sie die Schriftgelehrten verachteten, 7. weil sie vor dem Bösen keine Scheu mehr hatten und schließlich 8. weil die Männer des Glaubens verschwanden. 321