Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 319 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Max Grunwald: Palästinaerde als Grabbeigabe Häuserblöcke. Wie ein Weib, das demütig sein Gewand dicht um den Körper geschlungen, durch nächtliche Straßen huscht, trägt er seine Wasser in engem Bett durch die Stadt Leise ist sein Schritt, ohne Seufzer. Der Fremde geht andächtig nebenher. Wo ist der weiße Punkt geblieben? Wo schwimmt die Karte? Er bleibt stehen, kneift die Augen' noch mehr zusammen, starrt ins Wasser; — nichts erkennt er mehr als das bleigraue Band, dessen Enden der Blick nicht findet. Die Finger krallen sich in den kalten Stein des Geländers, der Kopf hängt weit vornübergeneigt. Träge schwimmen die Minuten im Fluß. Die Nacht ist mächtig, und der Fremde wagt nicht zu stöhnen. Die Beine beginnen ihm vor Kälte zu zittern, er reißt sich los, setzt an zu laufen, hetzt im atemloser Hast neben dem Fluß dahin, dem Punkte nach, dem weißen Punkt, den er wiederfinden muß. Der Koffer in der Hand schlägt ihm gegen das Knie, er spürt es kaum; wo ist der weiße Punkt, die Karte, der Name des Mädchens? Wo ist die Stadt, die ihn gütig umfängt? Wo ist die Stille, die nicht bohrt und ätzt, die Frieden spendet und milde Träume? Die Häuser an den Seiten blicken ihm mit gläsernen Augen nach, schadenfroh zählen sie die Minuten, die er den Fluß entlangrennt, bis er stolpert, hinschlägt und eine Weile bewußtlos liegen bleibt. (Fortsetzung folgt) Max Grunwald: Palästinaerde als Grabbeigabe Bei den Aschkenasim wird mit Vorliebe Erde aus Palästina, insbesondere vom Ölberg, dem Toten ins Grab mitgegeben. Von einem Besuche Palästinas pflegt man für sich, für Angehörige und Freunde solche Erde mitzubringen. Andere lassen sie sich von dort kommen. Man füllt sie in ein Säckchen und legt dieses in den Sarg dem Toten unter den Kopf. Anderwärts streut man sie entweder vor der Beisetzung über den Leichnam oder ins Grab. Diesen Brauch zitiert R. Mose Isserle im Darke Mosche zu Jore dea § 363, 1 nach Isak Or sarua (13. Jahrhundert) mit dem Bemerken, daß sich eine Erklärung dafür im Tanchuma zu Wajechi finde. Dort wird (I, S. 214) im Anschluß an Genesis 47, 30 der Wunsch der Stammväter, gerade in Erez Israel begraben zu werden, mit talmudischen Zitaten begründet, laut welchen die Auferstehung mit den in Erez Israel Begrabenen beginnen soll. Nach Ketubbot lila wird vollends jeder in der Erde von Israel Bestattete ohne Unterschied, selbst eine ka- 319