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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 318

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-10-01
Page
318 (sequence 7)
Language
German
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Heinz Berggrün: Die Stadt (Novelle) geudeten Alltags, in die Stadt zu gehen und ein neues Leben zu beginnen. Und dennoch: gab ihm nicht der Zustand der Entschlußlosigkeit, der ihn nun schon seit Jahr und Tag beherrschte, bei aller vermeintlichen Inhalts- und Richtungslosigkeit doch Inhalt und Richtung, bestimmt eben durch die uferlose Weite des Verkehrs, die die Nicht-Beschränkung auf Inhalt und Richtung verschafft? Und weiter: war es nicht Vermessenheit, geradezu ungebührliche Provokation, diesen Zustand der Entschlußlosigkeit, der bis zu dem Augenblick, da er heut in der Früh den Zug in die Stadt bestieg, sein Leben bestimmte, eigenmächtig aufheben zu wollen durch ein Entschlußfassen, durch ein Zielsetzen und Richtunggeben? Der gelblich zerfließende Schein der Laternen trägt fahle Flecken in sein Gesicht. Er greift in die Innentasche des Jaketts, um die Karte zwischen den Fingern zu spüren, die ihm das junge Mädchen im Zuge gab. Das junge Mädchen? Ein reines Gesicht und reine Augen. Zuweilen, wenn sie die Lektüre ihres Romans unterbrach und zu ihm aufschaute, vielleicht aus Neugierde, vielleicht auch nur, um sich einen Augenblick zu zerstreuen, schien es ihm, als wollte sie sagen: „Bitte, sprechen Sie nur, Sie brauchen keine Scheu zu haben, ich will mir Mühe geben, alles zu verstehen, was Sie sagen, auch wenn es vielleicht nicht ganz einfach ist." Und dann, so scheint es ihm jetzt, nahm sie seine Hand und sah ihn eindringlich an und sagte: „Sie brauchen überhaupt keine Angst zu haben, in unsere Stadt zu kommen und etwas zu unternehmen. Es wird alles so werden, wie Sie es sich denken, haben Sie nur Vertrauen!" Aber die Karte, die der Fremde sucht, findet er nicht. Papierfetzen reißt er aus der Tasche, Ausweise, Geldstücke. Die Karte ist nicht dabei. Er blickt zum Fluß hinunter, als ob sie der Wind hinabgetragen haben könne. Und während er die Augen ein wenig zukneift (denn er ist kurzsichtig und trägt keine Brille) glaubt er einen weißen Punkt im Wasser zu erkennen, der sich langsam mit dem Flußlauf fortbewegt. Ich hätte sie durch die Luft flattern sehen müssen, überlegt er, das kann nicht die Karte sein, ausgeschlossen! Und doch löst er die Ellenbogen vom Geländer und geht vorsichtig, wie einer, der nicht gesehen werden will, und den Kopf ein wenig vorgeneigt am Rande des Flusses dem Punkte nach, der sich entfernt. Alles, was ihn eben noch bewegte, hat er vergessen: die Nacht, die Stadt, das Mädchen aus dem Zuge, nur noch den Fluß spürt er, der sich mühselig durch die Straßen drängt. Ein armseliger Fluß, ohne die Gnade des Wasserlaufs, der sich der großen Stadt zugehörig fühlt. Dumpf ist er und ohne Schimmer, farblos friert er zwischen dem Regengrau schmaler Gassen und eitel hoher 318

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