Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 317

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-10-01
Page
317 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895560-2906503--09221-2906566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Stadt (Novelle) Das Gefühl der Ungebundenheit macht ihn übermütig. Ergeht auf einen vornehm gekleideten Herrn zu, der sichtbar in größter Eile ist, und fragt ihn umständlich nach dem kürzesten Wege zum Wenzelsplatz. Den Wenzelsplatz gebe es nicht, erwidert ihm der Herr unmutig, und als der Fremde das entschieden bestreitet, bekommt der Herr Skrupel, sowohl über die unfreundliche Art, in der er geantwortet hat, wie auch über seine vermeintliche Unwissenheit, und denkt angestrengt darüber nach, wo nur in aller Welt der Wenzelsplatz gelegen sein könne. Ein Schutzmann, der des Wegs kommt, wird angehalten und von dem Herrn befragt. Der Schutzmann ist jung und freundlich. Den Wenzelsplatz kenne er nicht, aber das wolle nichts heißen, denn er sei erst seit zwei Wochen in der Stadt. Aber gehört habe er schon vom Wenzelsplatz, den gebe es ganz gewiß. Er bleibt noch eine Weile stehen und tut so, als ob er nachdenke, dann grüßt er und geht weiter. Der vornehm gekleidete Herr sieht den Fremden verlegen an und rät ihm schließlich, sich an jemand anders zu wenden; er selbst sei leider sehr eilig und der Fremde möge entschuldigen. Der Regen, der nun heftiger fällt, spannt sich wie ein Vorhang zwischen den beiden Männern. Eine halbe Stunde ist vergangen, seit der Fremde die Leute auf der Straße mit seiner Frage nach dem Wenzelsplatz aufhielt. Nun steht er an dem Fluß, der die Stadt durchzieht. Aus der Ferne klirrt eine Straßenbahn; dann ist es wieder ganz still. Schritte hallen, entfernen sich, und wieder Stille. In regelmäßigen Abständen kracht ein Autobus vorbei. Wie Wellen auf weitem Meer rauscht es heran, zwei Leuchtaugen funkeln in der Ferne, jetzt kocht es näher, ein lautes Hallen, Brandung gegen Steilufer — vorbei. Dann wieder: dumpfer, gedeckter Lärm, Dröhnen, Hallen, Nachzittern in der Entfernung. Die übermütige Stimmung von vorhin ist ganz geschwunden, der Fremde hat den kleinen Koffer auf den Boden gestellt und blickt, die Ellenbogen lässig auf das Steingeländer gestützt, das die Straße vom Fluß trennt, in die Ferne, dorthin, wo er das Land ahnt, Felder, Fläche, Weite. Aus dem dumpfen Wasser weht die Nacht kühl zu ihm empor — er friert. Es ist das gleiche Frieren, das ihn am Abend zuvor überkam, als er plötzlich den Entschluß faßte, in die Stadt zufahren. Hatte er nicht vielleicht allzu unbesonnen, zu spontan gehandelt? An diesem Abend gestern packte ihn plötzlich das Gefühl, als müßte er inmitten der Geschehnisse um ihn her hilflos ertrinken und die Stimme würde ihm versagen zum letzten Notschrei, fände er nicht den Mut, auszubrechen aus der schwer lastenden Tretmühle ziellos ver- 317

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.