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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 316

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-10-01
Page
316 (sequence 5)
Language
German
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Heinz Berggrün „Wie kommen Sie darauf?" Der Fremde ist sichtlich erschrocken darüber, daß neben ihm einer steht, der ahnt, wie er sein Interesse wecken kann. Der andere sagt: „Übles Wetter. Regen — und warm ist es auch nicht gerade." Der Fremde sieht verwundert auf. „Was hat das mit meiner Frage zu tun?" „Mit Ihrer Frage? Nun, ich schlage Ihnen vor, wir begeben uns vorerst irgendwohin, wo man geschützt ist; eine längere Unterhaltung hier auf dem windigen Platz würde bestimmt weder für Ihre noch für meine Gesundheit zuträglich sein." Aha, denkt der Fremde mißtrauisch, also einer, der mich für einen Dummen vom Lande hält, dem er das Geld aus der Tasche ziehen kann. — Dann sagt er laut: „Ich kenne Sie nicht. Sie müssen verstehen, daß ich keine Lust habe, mich mit jemand, den ich nicht kenne, in ein Lokal zu setzen." Und ironisch fügt er hinzu: „Vielleicht suchen Sie sich einen andern. Es kommen ja heute nacht noch mehr Züge an." Damit wendet er sich zur Seite und geht, als ob er genau wüßte wohin, in der Richtung der Schienen davon, die vom Bahnhof aus anscheinend ins Zentrum der Stadt laufen. Und während er die Straße entlanggeht, weiß er nicht, was inzwischen geschehen ist: er hat sich unbewußt entschieden zu bleiben, — der Mann, der ihn von der Seite ansprach, war gerade im rechten Moment gekommen, um ihn zu hindern, zögernd und verärgert zum Bahnhof umzukehren, ein Billett zu lösen und zurückzufahren. Nun aber ist er eingeschlossen von Menschenknäueln und Häuserbündeln, von farbigem Licht und Tonfetzen, die synkopenhaft aus Kaffeehäusern und Tanzlokalen in die Straße schlagen. Das Gefühl, sich zwischen Menschen zu bewegen, von denen ihn nicht ein einziger kennt und von denen niemand etwas von ihm weiß, gibt ihm plötzlich eine unsagbare Sicherheit. Er fühlt sich mit einem Mal allen deutlich überlegen; ja in dieser Anonymität, in der er untertaucht, empfindet er geradezu Mitleid mit den Leuten, die da, eingespannt in Konventionen und Verpflichtungen, in Bürgerstil und Bürgerhaltung, sich aneinander vorbeibewegen. Soldaten grüßen ihre Vorgesetzten, Herren ziehen voreinander den Hut, ein Mann, gelangweilt am Arme seiner Frau schreitend, die ihn ermahnt, den Schirm geschickter über ihren Kopf zu halten, sieht verstohlen einer Dirne nach, die langbeinig und mit vielen verheißenden Seitenblicken am andern Straßenufer vorbeistelzt. Von alledem ist er frei, er braucht niemanden zu grüßen und auf niemanden Rücksicht zu nehmen, und wenn es ihm einfällt, kann er hinüberlaufen und die Dirne auffordern, mit ihm in das vornehmste Hotel der Stadt soupieren zu gehen, ohne daß irgendwer daran Anstoß nehmen könnte. 316

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