Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 315 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stadt (Novelle) „Aber nur, wenn es wichtig ist", sagt sie noch einmal, dann verschwindet sie endgültig, und der Fremde, mit den Fingern behutsam über die leere Seite der Karte streichend, bleibt noch eine Weile in der Ecke sitzen. Dann steht er auf und verläßt langsam den geleerten Zug. Auf dem Bahnsteig sind nur wenige Menschen: Männer in dunklen Hemden, die den Schmutz zusammenkehren; zwei Beamte mit roten Mützen auf dem Kopf, in strenges Schweigen versunken, aufmerksam die Räder der Lokomotive betrachtend; außerdem sioch der Mann am Zeitungsstand, der seine eigenen Zeitungen liest, und ein Wurstverkäufer, welcher gierig in den dampfenden Kessel stiert und überlegt, ob er sich nicht selbst ein Paar Würstchen gönnen darf. An der Sperre gibt der Fremde seine Fahrkarte ab; es ist ein bedeutsamer Augenblick, denn die Sperre bedeutet ihm mehr als eine gewöhnliche Kontrolle für Reisende, sie ist für ihn die Grenze, an der die Stadt beginnt, und es würde ihn fast nicht verwundern, wenn ihn der Mann, der ihm mit stereotyper Fingerbewegung die Karte aus der Hand nimmt, fragte, ob er denn nichts Zollpflichtiges bei sich habe und wo denn das Visum sei, das ihm gestatte, die Stadt zu betreten. Von alledem ist aber keine Rede, — er steht jetzt auf einem weiten, von vielen Straßenbahnen übersäten Platz, weiß durchaus nicht, wohin er sich wenden soll, und kommt sich plötzlich sehr verlassen und vor allem ein wenig lächerlich vor, denn er hat das deutliche Gefühl, als merkten die Vorübergehenden ganz genau, daß er hier nicht her gehört. Ein leichter, nadeldünner Regen hat eingesetzt, der Wind spritzt ihn dem Fremden ins Gesicht. Hoteldiener, die Augen von dem Schirm beschrifteter Mützen verdeckt, umschleichen ihn lauernd; sie kalkulieren im stillen, was er wohl für ein Nachtquartier anlegen könne. Die Lichtreklamen an den Häuserwänden, naß und verwischt, blinken völlig teilnahmslos. Sie ermutigen ihn keineswegs zu bleiben, so wenig wie die schrägen Blicke der Hoteldiener, und der Fremde beginnt zu überlegen, ob er nicht allen Ernstes seinen Entschluß, in die Stadt zu fahren, revidieren solle. Und während er schon darüber nachdenkt, ob es nicht doch besser wäre, umzukehren und die Rückfahrt anzutreten, kommt ein Mann auf ihn zu, der ihm leise von der Seite zuflüstert: „Sie scheinen ein Hotel zu suchen, mein Herr." „Keineswegs", erwidert der Fremde und geht ein paar Schritte voran. Der andere folgt ihm und beginnt von neuem: „Sie müssen nicht denken, daß ich Sie in irgendeiner Form belästigen will. Durchaus nicht. Aber ich habe das Gefühl, daß ich Ihnen ein paar Auskünfte geben könnte, die Ihnen vielleicht wichtig wären." 315