Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 314 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Berggrün durch ihr Aufstehen? War es bloß Verlegenheit? Wahrscheinlich wußte sie nicht, was sie ihm hätte entgegnen sollen. Die Art, wie sie ihn anschaute, hatte jedenfalls nichts Mißtrauisches, im Gegenteil, es lag Vertrauensbereitschaft darin, vor allem gar keine Gehässigkeit oder abwehrende Feindlichkeit, — das bestimmt nicht. Noch ehe er sich der Bewegung ganz bewußt wird, greift er nach der Klinke des Abteils, öffnet die Tür und geht ins Coupe zurück. Das junge Mädchen sieht ihn verwundert an. „Haben Sie etwas vergessen?" „Nein, aber es sind ja noch ein paar Minuten, bis wir ankommen. Im Gang ist ohnehin genug Gedränge. Und außerdem wollte ich Sie noch etwas fragen. Sie kennen die Stadt?" „Ja gewiß", erwidert das junge Mädchen, „ich bin doch von dort". (Das „doch" amüsiert den Fremden; es klingt wie ein leiser Vorwurf, als hätte er es eigentlich wissen müssen.) „Das ist also Ihre Heimat", sagt er, „um so besser. Was ich Sie nämlich fragen will, hört sich zwar zunächst ganz allgemein an, bezieht sich aber doch aus einem bestimmten Grunde auf Ihre Stadt, ich werde es Ihnen später erklären, wenn es Sie interessiert." Der Fremde macht eine kurze Pause, während der ihn das junge Mädchen erstaunt und sicher auch ein wenig belustigt betrachtet, dann fährt er fort, leise und sorgfältig die Worte nebeneinander setzend: „Nehmen Sie einmal an, Sie wendeten sich einer neuen Sache zu, einem Unternehmen, von dem Sie Entscheidendes für sich erhoffen ... kann man das hier?" Er will weitersprechen, aber das junge Mädchen unterbricht ihn verlegen: „Wir sind schon da, sehen Sie: der Bahnhof! Ich werde abgeholt, ich muß jetzt unbedingt hinaus. Denken Sie, ich war doch über sechs Wochen fort!" (Wieder dies „doch", denkt der Fremde.) Das Geschrei der Limonadenverkäufer und Zeitungshändler, untermischt von dem dumpfen Lärm anrollender Gepäckwagen, dringt ins Abteil. -: „Wie schade", sagt der Fremde laut, „daß wir schon da sind. Ich hätte Sie natürlich eher fragen sollen." Ein blaublusiger Gepäckträger ist ins Abteil getreten, um die Koffer, die der Fremde aus dem Netz gehoben hatte, herauszuholen. Der Fremde sitzt in der Ecke, als wollte er noch weiterfahren. „Leben Sie wohl", sagt das junge Mädchen, — an der Tür des Abteils dreht sie sich noch einmal um. „Übrigens, wenn es eine sehr wichtige Frage ist, können Sie mich ja mal anrufen." Sie reißt ihre kleine Handtasche auf, — hastig, ohne recht hinzuschauen, holt sie eine Karte heraus und wirft sie ihm zu. 314