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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 313

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-10-01
Page
313 (sequence 2)
Language
German
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Heinz Berggrün: Die Stadt (Novelle) „Gewiß", meint das junge Mädchen, das nun auch aus dem Fenster blickt, „man sieht ja schon ganz deutlich die Funktürme hinter dem Westpark, wir fahren höchstens noch fünf Minuten. — Manchmal merkt man gar nicht, wie rasch die Zeit vergeht!" Der Fremde, der bis jetzt am Mittelfenster gestanden hatte, setzt sich auf den Eckplatz ihr gegenüber. „Zuweilen vergeht aber die Zeit auch sehr langsam", sagt er, „gerade auf dieser Fahrt habe ich es gespürt". Und ohne abzuwarten, ob das junge Mädchen wünscht, daß er diese Bemerkung näher erkläre, fährt er fort: „Sicher habe ich eine andere Vorstellung von der Zeit als Sie, ich möchte vielleicht behaupten: eine persönlichere. Bedenken Sie: je schneller der Zug fuhr — und er fuhr bisweilen außerordentlich schnell! — um so länger wurde die Strecke, die er durcheilte, um so mehr dehnten sich also die Minuten im Raum, sie zogen sich über die Fläche wie Gummi, der allzu elastisch ist — verstehen Sie, daß ich das mitunter als unerträglich empfand?" Das junge Mädchen sieht ihn erstaunt, beinahe erschrocken an. Der Fremde lächelt. „Sie haben mich also doch nicht verstanden? Bitte, es ist doch' so einfach: Sie sitzen in einem ruhigen Raum. Es bewegt sich nichts außer dem Pendel der Uhr an der Wand. Hin und her geht er, gleichförmig und unablässig, eben waren es noch zehn Ausschläge, jetzt sind es schon zwanzig und jetzt vierzig und jetzt sechzig, eine Minute ist vorbei, Sie haben es noch nicht zu Ende gedacht, da ist schon fast die Hälfte der nächsten verstrichen und nun schon die ganze und so fort. — Aber hier im Zug? Blicken Sie doch bitte hinaus: spüren Sie nicht den Zeitpendel, der wie ein langer Summer über das Land streicht, immer mehr Fläche raffend, von einer geradezu unersättlichen Sucht nach Raum? Und so wie die Zeit im Raum sich dehnt, dehnt sie sich auch in meiner Vorstellung; das ist alles, was ich meine, Sie werden mir zugeben, es ist gar nicht so kompliziert. Aber warum stehen Sie auf? Wollen Sie Ihr Gepäck herunternehmen? Sie gestatten, daß ich Ihnen dabei behilflich bin..." Der Fremde klettert auf die Bank und hebt umständlich die Koffer aus dem Netz. „Wie liebenswürdig!" sagt das junge Mädchen, froh, daß der Fremde zu beschäftigt ist, um seine Betrachtungen, die ihr etwas unbehaglich sind, fortzusetzen. Als er von der Bank herabgestiegen ist, greift er verlegen nach seinem Hut und einem kleinen Handkoffer — das ist sein ganzes Gepäck — macht eine kurze Verbeugung und verläßt das Abteil. Draußen auf dem Gang, hin- und hergestoßen von übereiligen Fahrgästen, die ihre Koffer in die Nähe des Ausgangs schaffen, überlegt er: warum unterbrach ihn das junge Mädchen 313

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