Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-10-01
Page
312 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895560-2906503--09216-2906561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heinz Berggrün: Die Stadt L'horame ivre d'une ombre qui passe Porte toujours le chätiment E^avoir voulu changer de place. Baudelaire: Les fleurs du mal. Es liegt soviel Unerbittlichkeit in dieser letzten halben Stunde, in der der Zug der Stadt zufliegt. Das Land, flächig und feucht in einen dünnen Horizont versinkend, trägt erste Spuren des nahenden Ziels: Reklameschilder, mit übermenschengroßen Lettern auf die Rücken dörflicher Häuser gemalt, großstädtische Zeitungen, Schuhgeschäfte, Möbelhäuser empfehlend. Es gibt kein Zurück mehr, die Lichter am Wege blinken grün, das Kursbuch diktiert die Minuten, in denen die Strecke geschafft werden muß. Mit jeder Minute wächst die Gewißheit, daß die Metallfurche, in die der Zug in seiner schnurgeraden Jagd gebettet ist, dort enden wird, wo sie ihre Spur nicht mehr durch Lehm und trockenen Sand graben kann. Schon nahen erste Vorortbahnhöfe, sie winken am Rande wie Schiffbrüchige, an denen ein unbekannter Dampfer blind und eilig vorbeizischt, — der Fremde, der den Kopf zum Fenster hinausgesteckt hat, wird von jähem Mitleid ergriffen, ihm scheint es, als lägen diese Bahnhöfe weiter aus der Welt als die Dörfer im Kaukasus oder im Norden von Kanada. Lichter glühen vorzeitig dort auf, wo die Erde kilometerweit bedeckt ist von einer Schicht Asphalt, Mörtel und Lärm. Die Stadt rückt näher, der Zug, atemlos in der Erregung der letzten Minuten, jagt wie eine Sternschnuppe ins Meer. Eben trieben noch Nadelwälder gleichmütig dunkelnd über das Flachland, jetzt sind es Fabrikgelände, rauchverhangen im Nebel, breit über dem Boden lastend, die Schornsteine spindeldünn und steil in die Höhe gereckt wie Ausrufezeichen, die jemand zum Hohn in die Luft malte. Erste elektrische Schnellbahnzüge gleiten an den Seiten vorbei, ihre Fahrt ist mühelos elegant, ohne den Aufwand an Pathos, mit dem der Fernzug dem Zielbahnhof entgegentreibt. Auch das Flachland ist jetzt ganz geschwunden, Vorstadtstraßenzüge begleiten die Bahn, sie sind wie ausgestorben, mit Mühe nur erkennt der Fremde eine Tür, die sich öffnet, eine Jalousie, die herabfällt, ein Fuhrwerk, das in eine Nebenstraße einbiegt. Langsam schiebt er das Fenster des Abteils in die Höhe. Das junge Mädchen, mit dem er nun schon seit drei Stunden zusammen fährt, hat das Buch, in dem es las, aus der Hand gelegt. Es fragt ihn: „Wissen Sie, wann wir ankommen?" Der Fremde zeigt aus dem Fenster. „Gleich", sagt er, „ich denke, das ist schon die Stadt". 312

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.