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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 308

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Henri Bergson und der Baal Schem
Date
1936-10-01
Page
308 (sequence 2)
Language
German
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Camilla Kcal nicht verzeihen, daß er die Gesamtpersönlichkeit mehr als die Gelehrsamkeit und unter Umständen den simplen Am haarez mehr als den Talmudisten schätzte. So erneuern Bergson-Benda, mit den Formeln des 20. Jahrhunderts, den alten Disput des 18. Säculums zwischen Rabbinismus und Chassidismus. Die totalitäre Persönlichkeit, wie sie Bergson und Israel von Miedziborz verstehen, äußert sich im Handeln. Der mystische Chassid drückt das so aus, daß die Weisheit die „kleinere Stufe" sei und erst das Handeln die Erlösung bringe. Bergson sagt gleichfalls, jede unserer Handlungen beeinflusse das Weltganze und dessen ganze Geschichte: genau wie die jüdische Mystik, nur daß der Philosoph naturwissenschaftlich, Isaak Lurja im 16. Jahrhundert und der Baal Schern im 18. Jahrhundert aber mystisch denken. Das Handeln, sofern es unserem inneren Wesen entspricht, ist frei. Der Evolutionsphilosoph und die Chassiduth postulieren die Willensfreiheit. Die Persönlichkeit, das Ich, entwickelt sich nach Bergson zwischen Einheit und Zwiespältigkeit. Diese psychologische Anschauung drückt die jüdische Mystik so aus: es könnten sich mehrere Seelen verschiedentlich vereinen. Der Kern der Individualität läßt sich nicht durch die Sprache mitteilen; ebensowenig die unmittelbare Weltanschauung durch Logik. Man kann sie bloß suggerieren, vorzüglich durch Gleichnisse. Auch dieses Gefühl teilt der moderne Denker mit den Begründern des Chassidismus. Rabbi Nachman von Bratzlaw, eine jüdische Franziskus- Gestalt, hat dies am schönsten zum Ausdruck gebracht. Mit diesem Rabbi hat Bergson die Vorliebe für musikalische Gleichnisse gemein. Das ist kein zufälliges Zusammentreffen. Zunächst haben der mystische Rabbi und der zeitgenössische Denker beide eine ästhetische Weltanschauung, was sonst bei Rabbinern ebenso selten ist wie bei modernen Philosophen. Daß diese künstlerische Auffassung hauptsächlich musikalisch ist, hat seine besonderen Gründe in einer eigentümlichen Idee von der Zeit. Bergson meint bekanntlich, das organische Leben, in dem jede Phase ein Resultat der ganzen vorangehenden Entwicklung ist, kenne nicht unsere gewohnte „physikalische" Zeit, in der ein Moment dem andern gleich ist, sondern nur die Dauer. Diese Dauer aber lasse sich am besten darstellen als „rhythmische Folge von Phasen, deren jede die Auflösung aller vorhergehenden enthält, als eine Symphonie, die sich selbst schafft". Diese zuletzt angedeutete Auffassung der Welt als eines ewigen Werdens, das sich immer neu schafft, hat, soweit sie biologisch fundiert ist, natürlich kein Gegenstück in der jüdischen Mystik. Wie oben gesagt wurde, besteht die Ähnlichkeit des zeitgenössischen Denkers mit dem Chassidismus in der seelischen Atmosphäre und in den Grundfundamenten, auf denen die Denk- 308

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