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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 309

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Henri Bergson und der Baal Schem
Date
1936-10-01
Page
309 (sequence 3)
Language
German
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Henri Bergson und der Baal Schern Systeme begründet sind. Das Material ist bei jedem verschieden, und die biologischen Elemente des Bergsonismus, welche einer erst im 19. Jahrhundert ausgebildeten Wissenschaft entlehnt sind, sind in der alten jüdischen Mystik nicht nachzuweisen. Nun könnte man trotz der oben nachgewiesenen Parallelen immerhin bezweifeln, ob die biologische Philosophie Bergsons wirklich der nationalen Volksmystik seelisch verwandt ist. Wissenschaftlichkeit und Mystik scheinen wenig Verwandtes zu haben. Dem widerspricht jedoch, daß Bergson selbst im vergangenen Jahr den Versuch gemacht hat, die Mystik in seiner Philosophie unterzubringen. In seinem merkwürdigen Buche: „Die zwei Quellen der Moral und der Religion" tritt die oben behauptete Verwandtschaft klar zutage. Wenn Bergson die mystische Religion definiert als eine „Fühlungnahme und teilweise Identifizierung mit dem schöpferischen Drange, den das Leben manifestiert" oder den mystischen Zustand — Bergson nennt ihn „die dynamische Moral" — kennzeichnet als „lyrischen, musikalischen Zustand, welcher dem künstlerischen Schaffen und der erotischen Leidenschaft nahesteht", so paßt dies genau auf die Ekstase, wie sie der Baal Schern und sein Urenkel Nachman verstanden haben. Und wenn Bergson hinzufügt: „Dieser Zustand der dynamischen Moral ist sehr wohl vereinbar mit einer gewissen geistigen Einfalt" und „die Heiligen und Künstler sind authentische Teile der Gottheit", so scheint dies geradeswegs dem chassidischen Gefühlskreise entlehnt. Von einer bewußten Entlehnung könnte wohl schwerlich die Rede sein. Bergson hat trotz seiner jüdischen Abkunft sein Leben lang alles Jüdische abgelehnt. Woher aber solche Ähnlichkeit, die zu tief geht, um Zufall zu sein? Um diese Frage zu beantworten, muß man sich vor Augen halten, daß der Chassidismus nicht das Werk eines oder mehrerer volksfremder Denker ist, sondern einer seelischen Disposition des jüdischen Volkes entspricht, einer mystischen Anlage, wie sie sich, uralt, nachweisbar schon im 8. Jahrhundert äußert. Dieser mystische Grund im Judentum hat das Buch Sohar, den Isaak Lurja, den Israel Baal Schern und Rabbi Nachman von Bratzlaw hervorgebracht. In ihm wurzelt, ohne es zu wissen und gewiß ohne es zu wollen, auch Henri Bergson. Es ist eine Ironie der „schöpferischen Entwicklung", daß der Philosoph, der diesen Ausdruck geprägt hat, nach dessen Lehre jedes Lebewesen und jede Lebensphase sich selbst — aus ihrer gesamten Geschichte — bilden, daß der Evolutionsphilosoph Bergson so wenig um die Urgeschichte und Vorgeschichte seiner eigenen Entwicklung weiß. Wenn aber gemäß seiner Lehre das Werk den Menschen am tiefsten manifestiert und nicht das Wort, dann ist Bergson Jude nicht durch Bekenntnis, sondern, was mehr ist, durch das, was er geschaffen hat. 309

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