Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Henri Bergson und der Baal Schem
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 307 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Camilla Kaul: Henri Bergson und der Baal Schern Ein größerer äußerer Gegensatz ist kaum denkbar als der zwischen dem weltberühmten Philosophen und „Sorbonnard" Henri Bergson und dem kleinen Ostjuden Israel von Miedziborz, genannt Baal Schern, dem Begründer des Chassidismus, der im 18. Jahrhundert in armseligen polnischen Ghettos lebte und selbst von seinen engsten Landsleuten wenig beachtet und geachtet wurde. Zwischen Bergson, dessen Lehre höchster Ausdruck europäischer Kultur ist und der seinerseits diese europäische Kultur entscheidend beeinflußt hat, und dem Baal Schern, der selbst die begrenzte ostjüdische Gelehrsamkeit seiner Zeit geflissentlich zurückstieß, scheinen aber auch gar keine innerlichen Gemeinsamkeiten möglich zu sein. Und doch lassen sich frappante Ähnlichkeiten zwischen dem Bergsonismus und dem Chassidismus nachweisen. Diese Ähnlichkeiten beziehen sich nicht etwa auf irgend welche nebensächlichen Lehren, sondern auf den seelischen Grundgehalt der Weltanschauungen. So merkwürdig es klingen mag: es kann trotz der beträchtlichen zeitlichen und kulturellen Distanz nachgewiesen werden, daß die seelische Atmosphäre der Bergsonschen Philosophie der chassidischen Mystik sehr nahe steht. Bergson geht bekanntlich von der Intuition aus: der trockene analytische Verstand vermöge das Leben nicht zu erkennen; dazu bedürfe es der Einsicht (Intuition) und der Einfühlung. Das Leben sei eine einzige große Einheit; jedes Wesen habe ein, wenn auch nebelhaftes Bewußtsein, in das man durch Mitfühlen, durch Sympathie eindringen könne. Dasselbe sagt der Baal Schern auch, nur mit ein bißchen anderen Worten; das Bewußtsein, das ihn wie alle Dinge erfüllt, nennt er göttlich und will jedes Ding, auch Tier und Pflanze, in seiner Besonderheit liebevoll „von innen" verstehen. Diesen merkwürdigen sympathischen Individualismus in einem totalitären System hat der alte Mystiker mit dem modernen Denker gemein. Nach Bergson kann der Intellekt das wirkliche Leben, das Werden nicht erkennen; er ist also nicht des Menschen bester Teil. Man warf daher dem „Intuitionisten" Mißachtung der Intelligenz und einen verschwommenen Irrationalismus vor. Insbesondere bekämpft Julien Benda — der bekannte scharfsinnige Denker ist gleichfalls jüdischer Herkunft — im Namen der französischen Tradition den nebulosen Bergsonschen Integralismus, der den ganzen Menschen, nicht nur den Kopf schätzt. „Ich denke nur mit dem Kopf" erklärt Benda verdrießlich. Genau so konnten die rabbinischen Zeitgenossen es dem Baal Schern 307