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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 297

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Über Grundsätze einer Jüdischen Politik
Date
1936-10-01
Page
297 (sequence 5)
Language
German
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über Grundsätze einer Jüdischen Politik Der Begriff der jüdischen Politik nämlich kann nur konstituiert werden in Vorstellungen, die nicht vorhanden waren und nicht vorhanden sein konnten. Dort, wo sie bestanden, wurden sie auf das Gebiet der Mystik und der religiösen Erwartung abgeleitet. Mystik und religiöse Erwartung aber, ja überhaupt religiöse Systeme können zwar sehr wohl eine politische Realität haben, aber nur dort, wo sie verknüpft sind mit der Idee der Mission und des Proselytenmachens. Die Politik der jüdischen Religion hieße Paulus und spränge also aus dem System des Judentums heraus. Im Katholizismus, der die Idee der Mission, der Bekehrung und mit diesem Recht auch die der alleinseligmachenden Kirche hat, gibt es die Möglichkeit eines Systems katholischer Politik. Es gibt Kreuzzüge und Eroberungen. Im Islam gibt es heilige Kriege, die die Heiden mit Feuer und Schwert bekehren wollen. Im Judentum mußten die Ansätze politischer Religiosität in der Diaspora umgebogen werden, weil ihr jedwede motorische Kraft im politischen Sinne fehlte. Die jüdische Politik kann sich nämlich begrifflich nur konstituieren, wenn vorausgesetzt wird: die Wirklichkeit des jüdischen Volkes als einer politischen Wirklichkeit und die Zusammenfassung dieser politischen Wirklichkeit durch ein Ziel, das allen Juden gleichermaßen dient und das sie in Gemeinsamkeit zu erstreben haben. Dieses Ziel aber kann nur sein ein über die bloße Erhaltung des Volkes hinausgehender Wille. Erkennt man das, so gewinnt die Gestalt Theodor Herzls, sein Leben und sein Werk, eine neue Bedeutung. Herzl war kein Systematiker. Er war ein musischer Mensch, und er ist auch noch als Politiker häufig ein Mann der Aphorismen, des Einfalls und der schillernden Ideen geblieben. Auch sein „Judenstaat", der so systematisch aufgebaut zu sein scheint, ist voll von Ornamenten, die aus einer schöpferischen und „nutzlosen" Phantasie kommen. Herzl schafft aus der Intuition und aus dem Erlebnis und ist deshalb auch häufig im Politischen ein dichterischer Mensch gewesen. Das aber, was ihn zum wirklichen Verkünder gemacht hat, sozusagen — wenn die Umdeutung des Bildes erlaubt ist — zum Blinden, der den Kern findet, ist das, was ihn aus der Begabung manchmal in die Genialität verweist. So durchdacht und klar auch der Weg Herzls war, den er nach der Veröffentlichung des „Judenstaates" ging, so hellseherisch und traumhaft waren die Grundstoffe, aus denen sich seine Erkenntnisse formten. Das, was Herzls Tat ist, wenigstens auf dem Gebiete, das wir hier zu behandeln haben, ist, daß er die jüdische Politik in ihren Begriffen konstituierte. In dem Satz „Wir sind ein Volk, ein Volk" konstituierte er die politischeWirk- 297

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