Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Über Grundsätze einer Jüdischen Politik
Date
1936-10-01
Page
298 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895560-2906499--09198-2906547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Joachim Prinz lichkeit des jüdischen Volkes, das über alle Grenzen hinweg und über alle Verschiedenheiten der historischen Entwicklung hinweg eben ein Volk ist. Die Erkenntnis der Judenfrage, die Herzl zum erstenmal in das Gebiet der Politik, und zwar der Nationalitätenfrage verwies, wurde mit einem Male das Band, das die Juden umschloß. Von anderer Struktur als ein Naturgesetz, war es doch von der gleichen grausamen und ehernen Gesetzmäßigkeit, eben das, was man ein wirksames gültiges Gesetz nennt. Gerade in diesem Zusammenhang aber muß man den Satz, daß Herzl ein Prophet gewesen sei, zerstören oder richtig interpretieren. Er war Prophet nur in demselben Sinne, in dem der Naturwissenschaftler, der das Gesetz von der Erhaltung der Energie fand, sagen konnte, daß dieses Gesetz überall Geltung habe und haben werde. In Herzls Werk begegnen wir den Elementen der jüdischen Politik: Volk, gemeinsames Ziel, Land. Herzl wird deshalb zum ersten jüdischen Politiker der Diaspora. Wir sagen das im Verfolg unserer systematischen Untersuchung, die darauf hinzielt, einen Begriff sauber auf seine Elemente zu prüfen und die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen er steht. Das Ergebnis besagt nicht, daß nun jeder eine jüdische Politik zu wollen oder anzuerkennen hat. Wenn es aber eine jüdische Politik gibt, d.h. im Sinne eines begrifflich kontrollierten Gebildes, so konstituiert sie sich erst hier, und sie bewahrheitet sich in der Wucht, in der jüdisch-politische Persönlichkeiten fortan das neue politische System zu tragen begannen. Indem der Zionismus den Gedanken eines politischen jüdischen Volkes schuf, indem er von diesem Volke sagte, daß es nicht nur durch völkische Bestandteile, sondern einfach durch ein Gesetz des Lebens über alle Grenzen, ja auch über alle Unterschiede des Gesichts, der Kultur und der Sprache miteinander verbunden sei, indem er diesem durch ein Gesetz verbundenen Volk das Ziel gab, sich neu zu bilden und das Land wieder zu erobern, konstituierte sich zum erstenmal seit zweitausend Jahren wieder ein System der jüdischen Politik. Die Bedeutung dieser Neuschöpfung kann man am besten sehen, wenn man die jüdische Politik des neunzehnten Jahrhunderts überblickt. Auch hier machen Juden Politik. Sie agieren für Juden. Welches ist ihr Ziel? Die Einordnung der Juden in eine andere Politik. Denn definiert man den Assimilationsprozeß politisch, so stellt er sich dar als der Versuch, die jüdische Politik zu liquidieren und die Interessen der Juden der Politik der anderen Völker anheimzugeben. Die jüdische Politik der Mendelssohnzeit, bis in die letzten Versuche hinein, ist charakterisiert durch das paradoxe Bemühen, die jüdische Politik zu beseitigen. Vielleicht entspricht das noch einem Begriffe der jüdischen Politik, aber dieser Begriff ist schon sehr verzerrt. Er wird grotesk in einer der besten politischen Figuren dieser Zeit, in David Friedlaender: eine seiner po- 298

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.