Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Über Grundsätze einer Jüdischen Politik
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 296 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Joachim Prinz liehen Möglichkeiten und Vollzug der Wanderung von einem Land in das andere oder auch von einer Stadt in die andere. Die jüdische Politik bestand in den Bemühungen durch persönliche Einflußnahme bei Höfen, Fürsten, Bischöfen, Päpsten usw. auf dem Wege der Gnade die Lage der Juden zu bessern, Ausweisungen zurückzunehmen oder neue Möglichkeiten in einem andern Teil der Welt oder des Landes zu suchen. Bezeichnend dafür ist, daß diese Politik immer von einzelnen Menschen gemacht worden ist, die oft für diese politische Arbeit besoldet wurden und die die Aufgabe hatten, für ganze Bezirke tätig zu sein. So entsteht das politische Gebilde der Schtadlanim. Diese Schtadlanim haben großes oder kleines Format, aber sie haben nirgends, vielleicht nur in einer einzigen Gestalt Vorstellungen von einer großen, d. h. zentralen, die Juden der Welt umfassenden Politik. Von wichtigen Schtadlanim sei zuerst genannt Jossei von Rosheim, der ein typischer Vertreter der Einflußnahme auf die Gesetzgebung war. Seine großartige Figur spielt bei der Judengesetzgebung Maximilians eine nicht unwesentliche Rolle. Die kleinen jüdischen Vertreterversammlungen, die er zusammenberuft, um den Juden Verhaltungsmaßregeln zu geben, sind im Kleinen jüdische Reichstage. Der Titel, den er trägt, ist „Vertreter der gemeinen Jüdischkeit". Das aber heißt: der Juden in Deutschland, die er zu betreuen hat. Er ist der Typus des Fürsprechs, und er leitet die Reihe der politisch tätigen Hofjuden ein. Ihre Aufgabe ist Vermittlung und ihre Anliegen die Notwendigkeiten einzelner Bezirke. Etwas weiter reichen schon die Bemühungen derer, die im Auftrage der ausgetriebenen spanischen Juden neue Lebensmöglichkeiten für diese zweihunderttausend Menschen suchen. Hier gibt es die Gestalt Jakob Tirados, und hier gibt es besonders die wunderbare und schon sehr nah an ein System der jüdischen Politik heranreichende Figur Manasse ben Israels, der in einem bemerkenswerten theologischen System Grundlagen einer jüdischen Politik schrieb, und von hier aus, von einer besonderen Form der messianischen Idee her, Oliver Crom well zur Wiederansiedlung von Juden in England bewog. Vielleicht muß hier ein anderer, abenteuerlicher politischer Jude erwähnt werden, der zwar auch kein System der jüdischen Politik hatte, der aber in sehr interessanter Weise politisch agierte, nämlich Josef Nassi, Herzog von Naxos und der Ägäischen Meere, der aus einer komplexen und nur schwer zu entwirrenden Marranenpsychologie heraus in der Türkei innerhalb seines Amtes auch jüdische Politik trieb. Aber dieses sein Vorgehen unterschied sich nur im Umfang und er selber nur im Format von dem der Schtadlanim. Es bezog sich nämlich auf die in der Welt herumwandernden und nicht zur Ruhe gekommenen Marranen und hatte mit einer Konzeption, die sich auf die jüdische Gesamtheit bezieht, nichts zu tun. 296