Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Über Grundsätze einer Jüdischen Politik
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 294 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Joachim Prinz Die erste lebt in einem Kreis von Denkern, deren Ideologie am besten und klarsten vertreten wird in der inzwischen ein wenig verschollenen Broschüre von Hans Kohn, „Die politische Idee des Judentums" (erschienen 1924). In dieser Broschüre versucht Hans Kohn zu zeigen, daß die jüdische Politik ein Wertesystem zu verwirklichen habe, das sich ihm, Hans Kohn, aus der jüdischen Geschichte darbietet. Wie etwa Ach ad Haam der Meinung war, jüdische Geschichte habe die Aufgabe, „Moral und Geistigkeit" zu verwirklichen, oder wie ein unbekannter, aber sehr interessanter jüdischer Denker aus den Tagen der französischen Revolution, nämlich Salvador, der Meinung war, die jüdische Geschichte habe die Grundsätze der Aufklärung zu verwirklichen, so bietet sich Hans Kohn als das einzige geschlossene politische System das der Prophetie dar. Jüdische Politik ist für ihn die Politik der Propheten, und jede jüdische Politik, die als solche bezeichnet werden will, müsse sich den Prinzipien der Prophetie und ihrer Politik unterordnen. Auf gleicher Ebene liegen einige andere Bestimmungen der jüdischen Politik, die mehr oder weniger deutlich als solche bezeichnet werden und die von einer in einem bestimmten Zeitpunkt der jüdischen Geschichte wirksamen Idee her jedwede kommende jüdische Politik bestimmen wollen. Von solchen Versuchen grenzen wir uns deshalb ab, weil wir der Meinung sind, daß es schwer und kaum gerechtfertigt ist zu entscheiden, welches von den vorhandenen Systemen, die den Namen Judentum tragen, geeignet ist, das Beziehungszentrum für eine Grundlegung jüdischer Politik abzugeben. Im Laufe der Jahrtausende hat die jüdische Geschichte sehr viele solcher Systeme hervorgebracht. Zwischen ihnen gibt es Abgründe. Es ist nicht leicht zu sehen, von wo aus entschieden werden soll, welches von ihnen „gültig" sei. Man müßte dazu nicht nur den Begriff eines Endzieles der jüdischen Geschichte aufstellen, sondern zeigen und aussagen können, wie das Endziel selbst beschaffen sei, das der Bestimmung des jüdischen Volkes im Weltheilsplane entspricht. Nur wenn man eine Antwort auf diese Frage weiß oder zu wissen meint, kann man Normen für die jüdische Politik aufstellen, die aus einem Judentums-Systeme stammen und die dann tatsächlich den Anspruch machen können, die jüdische Politik aller Zeiten zu bestimmen. Wir wollen gestehen, daß wir eine Antwort auf diese Frage nicht wissen. Es ist offenbar ein Geheimnis, welches die Bestimmung der Völker sei. Und so scheint es auch keine Möglichkeit zu geben, auf die Frage zu antworten, warum eigentlich das jüdische Volk auf der Welt und welches seine Bestimmung ist. Das heißt nicht, daß es keine solche Bestimmung geben könne. Es heißt nur, daß wir sie nicht wissen und daß wir deshalb die Metaphysik der jüdi- 294