Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Politik im Judentum
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 291 (sequence 3)
- Language
- German
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Politik im Judentum Denn nie und nimmer dürfen wir zulassen, daß die Politik im jüdischen Leben sich selbständig macht. Auch wenn wir uns in der Not unseres Suchens und Fragens nicht vermessen dürfen, mit der Sicherheit der Theologie auszusagen, wo der Sinn unserer Weltsendung liegt und wie Politik sich also letztlich auszurichten habe; auch wenn uns die Ehrfurcht vor dem religiös Erfaßbaren von der Prägung geläufiger Begriffe abhält: mit der ganzen Inbrunst unserer weltfrommen Judentumsgläubigkeit werfen wir uns dieser Ernüchterung entgegen. In der zwiefachen Gestalt unseres jüdischen Seins: als Menschengruppe, für die wir zu sorgen haben in den Sphären der sozialen Planung, und als geistiges Gebilde, das die grandiosen Zeichen seines Ursprungs seit Jahrtausenden durch Zeiten und Räume trägt, ist den jüdischen Bekennern ein zwiefacher Auftrag aufgegeben. Die Heraushebung und Verselbständigung jedes seiner Teile, heiße sie nun Konfessionalisierung oder Politisierung, bedroht das Ganze mit Untergang. Prinz vertagt die Antwort auf die Frage nach der jüdischen Geschichtssendung bis in unsichtbare Fernen, Maybaum antwortet: Messianismus. Zwischen beiden steht, frei von Ästhetizismus und Dogmatismus, der Wille zum ungeteilten Judentum. Es wird dem Willen nicht leicht gemacht, sich zu bewahren. In einem Vormarsch sondergleichen, der in der Renaissance aufbrach und über die Aufklärung bis zu den nationalpolitischen Ideen neuer Prägung führte, haben die weltlichen Mächte die religiösen aus dem Felde geschlagen. Die Religion verschanzte sich hinter den Apparat der Kirche oder flüchtete in ekstatische Gemeinschaften von Sektierern, aus dem lebendigen Bewußtsein der Völker aber wurde sie Schritt für Schritt zurückgedrängt. Das Judentum zwar lebte noch lange in strenger Abgeschlossenheit neben der Zeit; es lernte ihre Gefahren nicht überwinden, weil ihm die Begegnung mit ihnen zunächst erspart blieb. Erst im vergangenen Jahrhundert begann mit der bürgerlichen Befreiung und ihren großen positiven Folgen auch die Auseinandersetzung mit der Weltstunde der Säkularisation. Sie war in diesem Stadium so unvermeidlich, daß ein Gedanke, der sie vom Jüdischen her zu verneinen wagfen würde, sich gleichsam selbst aufhöbe: so unablösbar ist selbst in die Kritik des 19.Jahrhunderts, ja besonders in seine Kritik, eben dieses 19. Jahrhundert mit eingegangen. Wie man eine Generation nicht auslöschen kann aus der Ahnenreihe, ohne mit ihr auch die Nachfahren zu vernichten, so lebensmäßig verbunden bauen wir Heutigen in Ja und Nein auf dem, was jene Früheren schufen. 291