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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 292

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Politik im Judentum
Date
1936-10-01
Page
292 (sequence 4)
Language
German
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Politik im Judentum Aber das eine muß gerade dem unbefangenen Betrachter bewußt bleiben. Wie großartig auch immer die schöpferischen und beharrenden Kräfte waren, die die Auseinandersetzung mit den säkularen Ideen im Judentum auslösten, an widerstandsfähiger Geschlossenheit gegen die auflösenden Tendenzen der Umwelt war das alte Ghettojudentum überlegen gewesen. An die Stelle einer dumpfen aber starken Selbstverständlichkeit des Judeseins war die autonome Entscheidung des Individuums getreten, ob, bis zu welchem Grade und in welcher Form der Ausübung es „noch" Jude bleiben wollte. In dieser grundsätzlich neuen geistigen Verfassung treffen uns die Schläge, die in fast allen Ländern der Welt Jahr für Jahr die Zahl unserer Menschen vermindern, doppelt hart. Die Vernichtung des russischen Judentums und die empfindliche Schwächung des polnischen finden in der an Katastrophen so reichen jüdischen Geschichte in ihrer Wirkung keine Analogie. Unsere heutige jüdische Situation ist mit keiner anderen der jüdischen Geschichte vergleichbar; denn die religiöse Bindung, die in früheren Epochen gerade dann am besten sich bewährte, wenn äußere Gefahren Teile unserer Gemeinschaft bedrohten, ist als allgemein verbindlicher Schutzwall nicht mehr vorhanden. Daran ändert auch die Einsicht nichts, daß das eigentlich nicht so sein dürfte, daß das eigentlich kein Judentum mehr ist und daß eine der Verweltlichung anheimgefallene jüdische Gruppe sich selbst aus dem Bereich jüdischer Zukunftsplanung ausgeschlossen habe. Von jeher hat Gott auch die Abgefallenen für würdig erachtet, zu ihm zurückgerufen zu werden. Solange es noch jüdische Menschen waren, konnten sie auch wieder Juden werden. Dazu gehört freilich in unserer Zeit, daß die Sorge für jüdische Menschen, die Politik, so vordringlich sich ihre Aufgaben auch gebärden mögen, sich nicht auch noch in ihrer Idee zur radikalen Säkularisation bekennt. Es klingt heute für viele verlockend, wenn in der klaren, harten Welt auch jüdische Politik klar und hart vorgetragen wird. Aber schließlich gibt es nicht nur das Mandat, den Hochkommissar, das Kolonialministerium und den zwischen ihnen herzustellenden Schwebezustand. Es gibt auch die Feiertage, und alle die hellen und dunklen Empfindungen, die die Menschen in die Gotteshäuser treiben und sie dort etwas von dem Geiste fühlen lassen, um deswillen allein das ganze Getriebe sich lohnt. Ob man ihren kleinen Eitelkeiten fröhnt, indem man das, was ihnen allzu leicht eingeht, von einer nüchternen Notwendigkeit zu einem schillernden Idol aufputzt, oder ob man sie da packt, wo verschüttet zwar, aber immer noch lebensfähig die jüdische Geistigkeit in ihnen ruht, das macht den Unterschied aus zwischen dem Volkstribun und dem Erzieher. E. R.-J. 292

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