Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Politik im Judentum
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Politik im Judentum jüdischen Intensität, die heute auf die Behebung krassen Notstandes gewandt werden muß, einst in besseren Zeiten dem inneren geistigen Leben unserer Gemeinschaft zugute gekommen wäre — der Wunsch ändert nichts an dem, was war und was ist. Nur wenn er sich von der Vergangenheit der Zukunft zuwendet, wenn er aus dem Chaos des heutigen jüdischen Geschehens lebendige Werte abzuleiten und für alle Zeiten hinzustellen begehrt, kann er die Brücke schlagen von der Sentimentalität zur Aktivität. Ein solcher Versuch wird in dem folgenden Aufsatz von Joachim Prinz unternommen. Joachim Prinz sieht: unter den Aufgaben, die uns in dieser Zeit erwachsen sind, ist auch die einer jüdischen Politik. Im gleichen Maße, in dem uns die Anteilnahme am politischen Raum unserer Umwelt versagt wurde, wuchs die Notwendigkeit eigener jüdischer politischer Aktion in der Richtung auf das Land der Zuflucht und der Hoffnung: Palästina. Er sieht: das Land ist bedroht und mit ihm der weitere Erfolg der politischen Aktion, deren Ausgangs- und Zielpunkt es bildet. Und er sieht: Männer fordern und verhandeln, ziehen im Umkreise ihrer Palästinapolitik alle Register der Beeinflussung von Menschen und Gruppen, stehen in Erfolg und Mißerfolg für die Gesamtheit. Da packt ihn die amor fati, die Leidenschaft für diesen harten Dienst in einer harten Pflicht. Er verabsolutiert das Teilgeschehen, glorifiziert es als „Jüdische Politik überhaupt" und zergliedert es in seine Gesetze. Aber weil es ein Teilgeschehen ist — ein wichtiges, auf lange Sicht entscheidendes vielleicht, aber doch eben nur auf einem bestimmten Gebiet für eine gewisse Zeit entscheidendes — deshalb haben auch die Gesetze, die er daraus ableitet, nur einen beschränkten Herrschaftsbereich. Wenn Herzls Denken und Weizmanns Tun — die Frage, ob das so ist, wird hier absichtlich beiseite gestellt — sich wirklich ausschließlich in der kühlen Tatsachenwelt bewegen, die Prinz der Politik allein zuzuordnen sich bemüht, so beweisen sie eben damit, daß jüdische Politik eine sehr zweitrangige Sache ist. Sie muß sein, sie muß vielleicht auch so nüchtern sein, wie Prinz sie sieht. Aber nie und nimmer darf sie in dieser Gestalt auf den Sockel einer hohen jüdischen Aufgabe emporgehoben werden. Mag sie in Krisenzeiten sich aufblähen und den Blick verstellen für das Viele, zu dem sie erst einmal den Weg zu bahnen bestimmt ist — dann erst recht ist es an der Zeit, sie einzudämmen und zu beschränken und sie in der Rangordnung der jüdischen Werte dahin zu ordnen, wo ihr Platz ist: an den Ort demütigen Dienstes, der seine jüdische Rechtfertigung erst dort empfängt, wo er über sich selbst hinausweist. 290